Russlandreise

Russlandreise 1991

Es war Zeit für neue Abenteuer. Schon immer hatte mich Russland fasziniert. Das Land ewiger Weiten und unbekannter Gebräuche. So nah und doch so fern.

Als ich meinem Freund von der Idee erzählte, war er neidisch. Ich solle ihm eine Matrjoschka-Puppe aus Moskau mitbringen und einen Stein aus dem Altaigebirge. Gesagt, getan. Ich kündigte mein WG Zimmer, sagte allen Liebsten Lebewohl und stieg am 15. Oktober um 20 Uhr abends in den Zug nach Moskau. Er fuhr von Gleis 1 im Frankfurter Hauptbahnhof ab. Nicht mal eine Fahrkarte hatte ich mir gekauft, sondern einfach 50 DM in meinen Pass gelegt und mich in ein Abteil gesetzt. Das weitere würde sich ergeben. Mehr als an der nächsten Station Fulda vor die Tür konnte ich nicht gesetzt werden.

Im Abteil saß ein älteres Paar, dessen Sprache ich leider nicht verstand. Es war mir auch kein Bedürfnis zum Reden. Langsam rollte der Zug an. Ich spürte den Hauch der Freiheit. Der Schaffner kam, ließ den Schein in seine Tasche gleiten und schloss die Tür. Ich lehnte mich zurück und holte erst mal den Schlaf nach, den ich in den letzten Tagen nicht bekommen hatte.

Als ich wieder aufwachte, fuhr der Zug durch Thüringen. Erfurt, Weimar und Leipzig rauschten an mir vorbei. Die Grenzen waren ja erst zwei Jahre zuvor geöffnet worden und ich war seitdem nicht im Osten gewesen. Eine kurzer Zweifel überkam mich, ob ich nicht über das Ziel hinausschießen würde. Der Zug überquerte die polnische Grenze und ich kam mit dem Paar ins Gespräch. Sie waren aus der russischen Provinz. Mit ein bisschen gebrochenen Englisch und ein paar Gesten machten sie mir klar, dass wir eine Stunde in Warschau halten würden und dann noch einen Tag bis Moskau brauchen. Die Zeit fing an, sich zu dehnen. Schließlich lief der Zug in Warschau ein und ich stieg aus. Der Bahnhof sah eigentlich gar nicht so anders aus wie unsere Bahnhöfe – ein pompöses klassizistisches Gebäude. Ich kaufte mir ausreichend Proviant für die weitere Fahrt und eine deutsche Zeitung. Sie war von vorgestern und enthielt zufällig einen Artikel über Russland.

Dann ging es weiter. Durch die Steppen der polnischen Tiefebene bis zur Grenze nach Weißrussland. Dort musste der Zug umgesattelt werden, denn das Schienensystem in Russland ist breiter. Fast einen halben Tag standen wir im verschneiten Nirgendwo der Grenzstation und ich befürchtete, dass hier meine Reise zu Ende sei. Denn der Schaffner kam und versuchte mir in gebrochenen Englisch etwas zu verstehen zu geben.

Dank meiner Mitreisenden verstand ich, dass er seine Freunde in Moskau benachrichtigt hätte und sie bemüht seien, mir für die Nacht eine Unterkunft zu besorgen. Ein kleines Fragezeichen tat sich in meinem Gesicht wohl auf, aber er versicherte mir, dass alles in Ordnung sei. Schließlich setzte sich der Zug wieder in Bewegung, und segelte gemächlich durch die Birkenwälder der weißrussischen Tundra. Mein mitgenommenes Buch hatte ich gar nicht angerührt, so bewegt war ich von dieser Landschaft, in dessen Weiten unsere Großväter ihr Leben gelassen hatten.

Ein Generalvisum hätte es sowieso nicht gegeben. Man musste für jede Stadt, die man besuchen wollte, ein Extravisum beantragen. Und sollte auch nur in ausgewählten Hotels übernachten dürfen. Wie sollte man so Land und Leute kennenlernen.

Der Zug kam abends um 8 Uhr in Moskau an. Wie bestellt standen die ‘Freunde’ des Schaffners als Empfangskomitté bereit und machten mir den Vorschlag, im Kinderspielzimmer des Bahnhofs zu übernachten und am nächsten Tag eine touristische Rundreise durch Moskau zu machen. Für 20 DM. Das schien mir ein fairer Preis zu sein. Ich hatte zwar nur 300 DM bei mir und wollte nicht gleich am Anfang über meine Verhältnisse leben, aber sicherlich konnten mir die Herren auch helfen, mich in Moskau zurechtzufinden.

Alles klappte gut. Ich legte meinen Schlafsack neben das Bällebad, aß den Rest des Fladenbrots und schlief selig ein. Am nächsten Morgen wurde ich zeitig geweckt und mein Fahrer chauffierte mich durch die Straßen Moskaus, zeigte mir den Kreml, die Christ-Erlöser-Kathedrale und den Gorki-Park. Ich dachte, das es nicht sinnvoll sei, zu viel Zeit in Moskau zu verbringen und bat ihn darum, mir ein Zugticket nach Taschkent zu besorgen. Auch dafür nahm er 20 DM. Ich glaube, das Ticket vierter Klasse hätte für einen Einheimischen 4 DM gekostet. Doch wird es nicht für Ausländer verkauft und diese wenigen Tickets für Menschen mit Devisen sind auch auf lange Zeit ausverkauft. Er brachte mich am Ende des langen Tages zum Kasanksi Wargsal, der Bahnhof, von dem es auch in den ‘Wilden Osten’ geht.

Tausende von Menschen füllten die Hallen dieses gigantischen Gebäudes, viele überbrückten mehrere Nächte, um zu den von ihnen gewählten Bestimmungsorten zu gelangen. Militärs lagen in Gruppen am Boden und ruhten sich aus. Händler durchstreiften die Menge auf der Suche nach Kunden, es war schon ein bisschen wie in den Orient, in den ich jetzt reisen würde. Vier Tage waren angesetzt für die 4000km in das Land von Ali Baba.

Und auch diese Tage vergingen wie im Fluge. Ich gewöhnte mich daran, dass kaum jemand Englisch sprach oder nicht sprechen wollte. Der Zug war gut ausgelastet, aber nicht überfüllt. Alle waren freundlich zueinander und Hektik konnte allein schon wegen der Reisegeschwindigkeit von nie mehr als 50km/h nicht aufkommen. Ich erinnere mich nur noch, dass irgendwo hinter der Wolga Kamele am Streckenrand auftauchten und dass ich bei jeder Station, wenn ich mir die Beine vertrat, Bammel hatte, die Weiterfahrt des Zuges zu verpassen.

Ich hatte aber nur ein paar Sachen mit. Einen Rucksack mit ein paar Wechselklamotten, die leicht zu ersetzen wären, einem Roman, ein paar Musikkassetten und ein Walkman. Viel mehr war es nicht. Das Geld, der Pass und die Fahrkarte waren in dem Brustbeutel, der mir schon bei meiner Reise durch Afrika treu gedient hatte. Die Betten waren steinhart, schmal und dreifach übereinander gestapelt. Das machte aber kaum etwas, weil ich ja meinen flauschigen Thermoschlafsack hatte. Tagsüber wurden die Betten zu Tischen ausgeklappt. Man holte sich ein Tee bei dem Samowar, der am Ende jeden Waggons stand, packte die Leckereien aus, die man an den Stationen frisch kaufen konnte und ließ die Zeit vergehen. In einem kleinen Kinosaal lief in Dauerschleife Bruce Lee’s Filme, was den Ansprüchen der meist männlichen Reisenden entsprach. Die meist älteren Frauen mit ihren gegerbten Bauernhänden und dem kräftigem Blick hatten auch so keine Langeweile. Sie beschäftigten sich mit Stickereien und unterhielten sich rege. Nur einmal bekam ich es mit der Angst zu tun, als nachts eine Gruppe Soldaten hinzu stieg und die Gäste abrupt aufforderten, die Betten freizumachen.

Schließlich erreichten wir wie vorgesehen Taschkent. Ich wusste wenig über die Länder, die ich durchreisen würde. Nur einen archäologischen Reiseführer hatte ich mir gekauft und zweimal auf der Zugfahrt durchgelesen. Was sich nach dem Mauerfall an den politischen Verhältnissen geändert hatte, wussten wahrscheinlich die Russen selbst nicht zu sagen. Im Nachhinein erfuhr ich jedenfalls, dass Usbekistan zum Stützpunkt des amerikanischen Militärs für die Region ausgewählt werden sollte. Ich suchte ein größeres Hotel auf, meldete mich an und hatte ein komisches Gefühl. Also verließ ich es wieder und Minuten später sah ich zwei Polizeibeamte die Treppen zum Hotel hoch hasten.

Das war nicht die Stadt, das ich gesucht hatte. Also wieder zurück zum Bahnhof und schnellstmöglich einen Zug ausgewählt, bevor jemand kam. Diesmal kaufte ich mir eine Fahrkarte. Ich wählte die Destination Buchara. Das war eine der beiden heiligen Städten des Islams, die ich aus meinem historischen Buch kannte. Neben Samarkand und Mekka und Medina in Saudiarabien ist Buchara eine der vier großen Pilgerstädte dieser Religion. Ich kam morgens um vier Uhr an, die Venus stand am Himmel neben der schmalen Sichel des Mondes. Merkwürdiger Zufall oder Bestimmung? Der Morgenstern neben dem aufgehenden Mond ist das Zeichen des Islams. Und diese Stadt hat die größte Gotteshäuserdichte der Welt. An jeder Ecke steht ein mit Mosaiken geschmücktes Gotteshaus, aus dem fünfmal am Tag der Ruf für die Gläubigen zu hören ist. Ich selbst bin nicht christlich erzogen und kann mit der Vorstellung eines bärtigen Gottes nicht viel anfangen. Aber wie auch bei uns sind die neuen Religionen ja auf den Wurzeln der alten Mythen aufgebaut, und mich interessierte, vielleicht etwas von der Sufikultur kennenzulernen.

Doch erst mal brauchte ich eine Übernachtungsmöglichkeit. Es war vielleicht ein bisschen naiv, aber ich nahm an, dass sie einen Reisenden aus dem anderen Ende der Welt nicht gleich als Staatsfeind einstufen würden. Ich fragte nach und bekam zu hören, das Westler nur in ein dafür vorhergesehenes Hotel zu Westpreisen gehen dürfen. Das hätte mein Budget in sieben Tagen aufgebraucht. Doch man bedeutete mir, dass es ein kleines Anwesen am Rande der Stadt gäbe. Dort nahm man mich freundlich auf und abends bekam ich Besuch von einem Polizisten. Er war nach eigener Auskunft Boxer bei den olympischen Spielen in Moskau gewesen und so muskelbepackt sah er auch aus. Wir tranken Wodka, sprachen auf Englisch über die Politik der Welt und der Abend wurde immer später, bis er mit seinem Anliegen herausrückte. Er brauchte Westdevisen, um die Medikamente für sein behindertes Kind zu bezahlen. Ich wechselte ihm gerne fünfzig DM für den geltenden Wechselkurs, denn ich braucht ja sowieso Dinge, wie das Geld lustigerweise hieß. Und als er weiter bohrte, auch noch zwanzig zusätzliche Märker. Doch dann war Schluss. Auch weil wir beide inzwischen völlig besoffen waren. In dieser Nacht hatte ich einen Traum, wo sich kleine Spinnen durch Häuserwände gruben.

Am nächsten Tag lernte ich einen Touristenführer kennen, der wenig zu tun hatte, da es zu dieser Jahreszeit kaum Touristen gab. Er lud mich zu sich nach Hause ein und ich konnte bei ihm umsonst wohnen und essen. Eine Gastfreundschaft, die in arabischen Ländern immer wieder wie selbstverständlich anzutreffen ist und oft auch aus ganzem Herzen kommt. Ich schenkte ihm am Ende meinen Reiseführer, worüber er sehr glücklich war, weil es solche Bücher dort auf englisch noch nicht gab. Von der Stadt hab ich hauptsächlich die Schwärme von Raben und Krähen behalten, die jeden Abend in die Stadt einfielen und den typischen Hintergrundklang erzeugten, der mit der Zeit so vertraut wurde. Nach einer Woche war es Zeit zum Weiterreisen. Ich bestieg einfach wieder den Zug und ließ mich von der Intuition führen. Zwei Städtename zogen mich besonders an. Andijan und Osch im Ferganatal. Das liegt, wie ich aber erst später feststellte, in einem 600km langen Tal, das von hohen Bergen umgeben ist und das Hauptanbaugebiet von Drogen in der Welt neben dem kolumbianischen Narinogebiet und dem goldenen Dreieck in Fernasien. Aber das wusste ich ja nicht.

So ging es einen weiteren Tag durch die schon bekannte Landschaft, die sich zunehmend zu verändern begann. Riesige Berge und endlose Anbauflächen tauchten auf. Der Aralsee bewässerte dieses Tal, bis er austrocknete. In Andijan angekommen schaute ich vorsichtig um mich, ob man mich nicht vielleicht schon gemeldet hatte. Aber wir hatten ja 1991 und nicht 2021. Ich überwand also meine Paranoia und ging wieder in ein Hotel. Diesmal kam kein Polizist. Aber nach drei Tagen bedeutet man mir an der Rezeption freundlich, dass ich bitte zurück nach Moskau reisen sollte. Bis dahin hatte ich die Stadt durchstreift und nette Russlanddeutsche kennengelernt, die hier in einer Schule arbeiteten. Noch öfters würde ich auf sie stoßen und verstehen lernen, dass sie fast alle weg von hier wollten. Zwei bis drei Millionen, die von Stalin nach dem Krieg umgesiedelt worden waren, und in diesen Gegenden nicht mehr als akzeptierte Gäste waren. Viele trauten sich nicht mal, mit mir über unverfängliche Sachen zu sprechen. Angesichts des Geschäftsmodells, dass hier betrieben wurde, war diese Haltung allerdings auch verständlich. Auf dem Markt gab es Riesenhaufen von Gewürzen und Drogen. Ich kaufte mir ein wenig von diesem Nos, wovon alle schwärmten. Es wird geschnupft, verbreitet eine wohlige Wärme und war nicht illegal in den russischen Republiken.

Die Männer rannten mit Säbeln bewaffnet herum und viele Frauen geschminkt mit kurzen Miniröcken, obwohl es ein muslimisches Land war. Das Bild war wie in einem drittklassigen Western wo man denkt, dass wenn sie bei den Kulissen nicht so stark aufgetragen hätten, der Film ganz gut gelungen wäre. Aber das hier war echt. Bzw. natürlich auch eine Kopie dieser amerikanischen Filme, die tatsächlich den ganzen Tag auf dem Fernseher des Hotels liefen. Neueste Kinohits. Übersetzt von einem einzigen Sprecher. Ein frühes Netflix. Man sollte nicht meinen, dass diese Menschen hier uninformiert über das waren, was in der Welt vorging.

Nun musste ich die 600km also wieder zurück, denn aus dem Tal gab es im Winter kein Entkommen. Nur im Sommer fuhren Busse in waghalsigen Manövern über die bis zu 4000 km hohen Bergspitzen. Ich wollte jetzt nach Bischkek in Kirkistan, das früher einst nach einem sowjetischen Heerführer Frunse geheißen hatte und sprach eine junge Frau an, ob es einen Direktzug dort hin gäbe. Wir kamen ins Gespräch und sie wollte mich unbedingt ihren Eltern vorstellen. Wir kamen in ein etwas größeres Haus, dessen Zimmer alle mit Teppichen ausgestattet waren. Auf den Boden lagen Teppiche, an den Wänden hingen Teppiche und auch an der Decke waren Teppiche. Wunderschöne, gewebte Muster einer heilen Welt, die es einmal in den Zelten der Nomaden gegeben haben mag, die sich mit den Stoffen gegen die bittere Kälte des mittelasiatischen Winters wappneten, der bis zu 60 Grad Minus bringen konnte.

Wir saßen zu Abend und ich erfuhr, dass es eine jüdische Familie sei. Nachfahren von Menschen, die vor den Nazis geflüchtet sind. Mit diesem Thema hatte ich noch nie direkt zu tun gehabt. Meine Eltern hatten mit mir als siebzehnjährigen die Holocaustreihen geschaut, aber ich hatte noch nie einen Juden kennengelernt. Man fragte, woher ich komme und ich antwortete aus Gewohnheit der letzten zwei Wochen Frankfurt, weil ich annahm, dass man das vielleicht eher kennen würde, als Darmstadt. Und auch hier erfolgte die Frage: ‘Frankfurt gam Maini oder Frankfurt da Odda’ was soviel heißt, wie Frankfurt am Main oder Frankfurt an der Oder.

Die Deutschen in Frankfurt an der Oder waren ja wenigstens Waffenbrüder des Kommunismus. Ich antwortete aber wahrheitsgemäß und ein betretenes Schweigen machte sich breit. Das Licht fiel plötzlich aus und ich konnte schweres Atmen und eine unterdrückte Bewegung wahrnehmen. Es ist nicht zu verdenken, dass ein Wut auch noch nach so vielen Jahrzehnten besteht. Vielleicht war es auch nur eine Einbildung von mir. Jedenfalls verabschiedete ich mich recht schnell und das Mädchen war sichtbar betroffen. Es war mir nicht klar, wie tief dieser Schmerz viele tausend Kilometer ausgelagert in die politische Provinz der einstigen Weltmächte hinein gebrannt war. So weit musste ich reisen, um solches zu erfahren.

Am Bahnhof studierte ich die Abfahrtpläne und stellte fest, dass der Zug nach Bischkek um vier Uhr morgens ging. Noch acht Stunden Zeit. Also beschloss ich, bis 10.000 zu zählen. Die Bahnhofshalle war menschenleer. Es war eisig kalt. Als ich etwa bei 7500 angekommen war, riefen ein paar Jugendliche etwas zu. Ich ging hinüber und es stellte sich heraus, dass sie Geselligkeit beim Grasrauchen suchten. Diese Szene habe ich wie auch andere in meinem Roman Tehuacan verarbeitet. Eine Gruppe Kiffer wie wir daheim, die einfach nur die sinnlose Zeit totschlagen, die das Leben ihnen aufgebürdet hat. Ein Lachflash jagte den anderen, obwohl auch wir uns kaum verständigen konnten. Schließlich stieg ich glückselig und optimistisch der harrenden Dinge in den Zug nach Bischkek. Ich schlief die meiste Zeit, während er die gesamte Strecke wieder zurückfuhr, in Taschkent wendete und oberhalb der unüberwindbaren Berge nach Kirkistan ratterte. Ein paar betrunkene Geschäftsleute versuchten mich zu provozieren. Aber ich war in viel zu guter Stimmung, als das mich das hätte herabziehen können.

Morgens um sechs kam der Zug nach einem weiteren Tag in Bischkek an. Der Name der Stadt bezeichnet das Gefäß, in dem die klassische Stutenmilch aufbewahrt wird, das diesem Reitervolk als Grundnahrung dient. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Die Stadt ist eine Mischung aus verschiedenen Baustilen der Moderne, dem russisch-klassizistischen Stiel und einheimischer Elemente. In manchen Vierteln würde man nicht merken, dass man nicht in Europa war. Auch die Menschen sehen teilweise gleich aus. Viele von ihnen würde als ideale Modells der italienischen oder französischen Mode durchgehen. Genetisch stammen wir ja zum größten Teil von dieser kaukasischen und altaischen ‘Rassen’ ab. Hier hatte ich quasi die Urexemplare vor mir.

Ich stand also um sechs Uhr morgens auf dem zentralen Platz von Bischkek, wo auch das Parlament ist, ein Theater und ein Schwimmbad und beschloss, schwimmen zu gehen. Das Bad war im oberen Geschoss des Gebäudes angebracht und man hatte einen Ausblick auf die Stadt bei dem Entspannen in dem wohlig warmen Wasser. Wasser ist mein Element. Es braucht überhaupt keinen Reichtum, wenn man gesunde Nahrung, Bildung und solche kleinen Annehmlichkeiten hat. Am selben Tag lernte ich einen Studenten kennen, der einen Tipp hatten, wo man privat umterkommen könne. Für die nächsten zwei Monate war ich nun versorgt und konnte von diesem Domizil aus Streifzüge in die Umgebung unternehmen. Einen Polizisten habe ich in dieser Zeit nicht gesehen.

Zu einem Dritteln bestand die Bevölkerung noch aus Russen, zu einem Drittel aus Kirkisen und einen Drittel aus anderen Völkern, Karakalpaken, Tadschiken, Usbeken, Perser, Inder, Türken und Koreaner. Alle sprechen mehrere Sprachen. Nur Englisch hat damals kaum noch jemand gesprochen. Kirkisisch gehört zum Sprachstamm der turkmenischen Völker, zu denen auch kasaschisch, usbekisch, uigurisch, mongolisch und einige afghanische Dialekt gehören. Nach der Auflösung der Sowjetunion wurden diese Länder unabhängig oder schlossen sich der GUS an. Es ist eine Gegend, die schon zur Zeiten der Seidenstraße ein Vielvölkerstaat war. Bzw. gab es ja damals gar keine Staaten, sondern wie in Europa wechselnde Königreiche.

Die jungen Studenten, bei denen ich untergekommen war, war ein lustiges Völkchen. Sie wohnten zur viert in einer WG und haben mir ein Zimmer für eine Mark am Tag vermietet. Man muss dazu wissen, dass der Monatsverdienst damals ca. 50 DM betragen hat und dass es so gut wie unmöglich war, an Westdevisen zu kommen, mit denen man u.a. Medikamente kaufen konnte. Jeden abend wurden Kartoffeln geschält, Krautsalat bereitet und Karten gespielt. Ein Spiel, das ich nie so ganz verstanden habe, aber es ging darum, Karten entweder über dem Zähler von sechs zu haben oder darunter. Auch von ihnen sprach nur einer Englisch. Und meine Russischkenntnisse waren sehr bescheiden. Ich fand es auch ganz schön, dass ich es nicht verstand. Denn so konnte ich mich ganz auf die Energie dieses Ortes fokussieren. Sie liebten die Reggaemusik, die ich mitgebracht hatte und hätten sie gewusst, dass die drei Musiker von ‘Third World’ Schwarze waren, die im Rollstuhl saßen, wäre es vielleicht nicht zu ihrer Lieblingsband geworden, weil Behinderungen in Russland ein schwieriges Thema sind. Nebenan wohnte ein Musiker, der einen riesigen Vogelkäfig besaß und am Abend zum Gezwitscher der bunten Gesellen musizierte. Durch seine Musik klangen tatsächlich bestimmte Vibratos und Tonabfolgen der Vögel hindurch. Und ich meinte auch, dass er sie mit den von uns herüberwehenden Melodien verband. Aber ich bin nicht so musikalisch, um das beurteilen zu können.

Ein bisschen kommunikativen Austausch braucht es dann doch. Um Kontakte zu knüpfen, besuchte ich die Universität. Der Begriff Universität scheint zu hoch gegriffen, da das Ganze eher einer Mittelschule ähnelte. Dort gab es eine kleine Englischklasse, die es begrüßte, einen eifrigen Mitlerner zu finden. Ich konnte jeden Tag zwei Stunden teilnehmen und mit meinen Kenntnissen zu neuen Unterrichtsmethoden beitragen. Dort lernte ich auch Susanna kennen. Sie war als Tochter von Russen hier geboren, sehr bescheiden und freundlich. Wir befreundeten uns und so lernte ich auch eine typische russische Familie kennen. Sie lebten zu sechst in drei Zimmern. Susanne schlief in dem mittleren Zimmer bei ihrer Großmutter und am Tag wurde es zum Wohnzimmer umgebaut, dass die Eltern und die beiden Brüder benutzten. Bzw. wurden die Brüder abends mehr oder weniger freundlich aufgefordert, sich doch bitte ein bißchen mehr auch draußen aufzuhalten. So wie wir als Kinder tagsüber, nur dass sie schon erwachsen waren.

Dieses Rumhängen bei minus 20 Grad ist ungewohnt. Es gibt ja nicht viel zu tun. Kino, Billard oder Kneipen habe ich nicht bemerken können. Wer Geld hatte, konnte sich an einem der Kioske, die es in jeder dritten Straße gab, Schokolade oder Bier kaufen. Das kostetet aber genauso viel wie im Westen, eine Milka oder ein Hansapils eine DM und war also völlig unerschwinglich. Der Spaß wurde spontan mit meist selbst gebrannten Alkoholikas kreiert. Dazu lief die Musik von Depeche Mode und Queen, die gerade in war. Ich hätte auf andere Interpreten getippt, aber Queen ist bei uns unterschätzt und so lernte ich ihre Musik ganz neu kennen. Einmal war ich sehr ausgelassen und erfand eine Geschichte, wo ich eine großartige Rolle als Drogenschmuggler spielte. Einer der Jungs, ein kantiger Schlaks, hatte mich schon die ganze Zeit misstrauisch beäugt. Jetzt sah ich, wie ihm meine Angeberei die Wut ins Gesicht trieb. Wir hatten schon einige Wodka getrunken und so forderte er mich zu einem Boxkampf auf.

Keine leichte Sache auf dem eisigen Untergrund. Ich hatte keine Chance gegen den geübten Champ, der immer wieder meine Deckung durchlöcherte und mir ein paar Cuts im Gesicht verpasste. Vielleicht war es auch mein Aussehen, das ihn zur Rage brachte, denn ich hatte lange Haare, einen Bart und sah aus wie Rasputin. Als ich nach Hause in die WG kam, fragten die Studenten besorgt, ob ich ausgeraubt worden sei, aber ich versicherte ihnen, dass ich im Gegenteil neue Freunde gewonnen hatte. Und das stimmte auch. Danach rasierte ich mir den Bart und ließ mir zur Freude von Susanne auch die Haare schneiden. Endlich ein zivilisierter Mensch.

Es gab auch eine deutsche Gesellschaft in Bischkek, wo zwei Journalisten ein Auslandspraktikum absolvierten. An manchen Abenden bin ich quer durch die Stadt dorthin gelaufen. Ich versuchte immer etwas mitzubringen. Etwa diese Sahne, die es auf dem Markt zu kaufen gab. Sie war schon fest, bevor man sie berührte und schmeckte ohne Zucker süß und war wie eine komplette Torte. Manchmal rief ich auf dem Weg auch Susanna an. In jeder Straße gab es einen Fernsprecher und das schönste war, dass er nichts kostete. Das werdet ihr jetzt nicht glauben, aber so war es. Und es standen auch keine Schlangen von Leuten davor, weil man die Leute, mit denen man sich unterhalten wollte, normalerweise auch um sich hatte.

Einmal folgte mir eine unheimliche Gestalt auf dem Rückweg. Ich hatte mir eines dieser erlesenen Flaschenbiere geleistet und war ganz in Gedanken, als ein kräftiger Gnom ähnlich wie der Zwerg in Herr der Ringe auf mich zukam. Ich hatte zunächst Probleme ihn zu verstehen, aber er sprach ein gebrochenes Deutsch. Ich bot ihm meine andere Flasche an und er nahm sie und warf sie an einer Hauswand. Scheinbar um sie Wut über westliche Dekadenz auszudrücken. Aber ansonsten war er ganz freundlich. In Russland trifft man häufiger solche Kauze, die ganz unverstellt ihre Meinung direkt zum Ausdruck bringen. Das ist einerseits angenehmen, weil man weiß woran man ist. Andererseits ist es ja auch nicht so, dass dieser Mafia- und KGB-Staat die Ethik gepachtet hätte.

Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich Kubilai traf. Ein Deutsch-Türke, der wie ich auf gut Glück das Land durchreiste und auch ein bisschen ähnlich aussah. Man muss dazu sagen, dass er bis auf eine Ausnahme der einzige westliche Ausländer war, den ich in den drei Monaten traf. Es war wohl einmal ein Hollywood-Film in Bischkek gedreht worden mit einem Darsteller, der uns beiden ähnlich sah. Welcher Film das war, habe ich nie herausgefunden. Wir hatten uns nicht viel zu sagen, aber irgendwie tickten wir auf der gleichen Wellenlänge. Auch er hatte ein nettes Mädchen kennengelernt. Schließlich kam der Abend, wo wir zu viert in die Berge wollten. Ein Taxi brachte uns auf eine ca. 3000 Meter hoch gelegene Bergstation. Bzw. war es kein Taxi. Jedes Auto diente als Beförderungsmittel und man konnte sich einfach an den Straßenrand stellen, den Finger heben, sagen wo man hinwollte und den Preis aushandeln. Das machten wir vier auch einfach so.

Das Tian Shan Gebirge hat eine unglaubliche Ausstrahlung. Es liegt greifbar vor der Stadt, wie die Alpen vor Zürich, doch noch einmal doppelt so hoch. Immer steiler wurden die Straßen und immer öfter drehten die mit Ketten ausgestatteten Reifen des Autos durch. Auf der Bergstation gab es ein kleines Restaurant und eine Sauna. Wir ließen es uns gutgehen und mitten in der Nacht erwachte ich neben Susanne in ihren Träumen. Ich wusste sogleich, dass es ihre Träume waren, denn sie waren meinen nicht ähnlich, hatten eine ganz andere Färbung, einen anderen Klang und ein anderes Gefühl. Nie wieder habe ich so etwas erlebt. Welche Kommunikation braucht es noch, wenn so etwas Normalität wäre? Ich kannte bisher nur luzide Träume, die man steuern kann und sich so seine Traumwelten selbst schaffen kann. Aber die Vorstellungen, die Träume eines anderen zu steuern, eröffnet interessante Dimensionen.

Es war nicht mein Plan gewesen, lange an einem Ort zu bleiben. Vier Jahre später würde ich bei meiner Fahrradtour durch Irland nicht zwei Nächte lang an demselben Ort verweilen. Hier aber blieb ich einen ganzen Monat, bevor die innere Unruhe überhand nahm. Auch Kubilai wollte Richtung China weiterziehen weiterziehen und Susanne war sehr traurig. Mitkommen wollte sie aber auch nicht, weil sie ihr Studium nicht vernachlässigen wollte. Obwohl es klar war, dass es ohne Visum nicht so einfach werden würde, nach China einzureisen, beschloss ich, Kubilai zu folgen. Ganz bei Verstand war ich damals wohl nicht, wie ihr vielleicht bis dahin bemerkt habt.

Zunächst aber ging es nach Almaty, der damaligen Hauptstadt von Kasaschstan, wo Kubilai sein Visum beantragte. Ich versuchte es erst gar nicht, weil ich dazu ein russisches Visum hätte haben müssen. Wir verbrachten zwei Wochen in der Stadt. Und lernten eine Mutter kennen, die ihre Tochter anscheinend in einer guten Partie unterbringen wollte, womit diese aber überhaupt nicht einverstanden war. Kubilai und ich verhielten uns aber wie Gentlemen. Ein paar Tage verbrachten wir mit den beiden, bis klar war, dass hier unterschiedliche Motivationen vorlagen. Wir gingen sogar ins Ballett. Schwanensee in der Mitte der asiatischen Steppe. Es hätte auch ein Staatstheater in jeder mitteldeutschen Stadt sein können. Alles war Originalgetreu von der Ausstattung des Theaters über die Bühnenbilder bis zu den Kostümen der Darsteller und sehr ambitioniert.

Weihnachten kam und ich war gespannt, wie dies hier begangen würde. Die Russen feiern ja mehr den 6.1. und die Muslims feiern überhaupt kein Weihnachten. Wir folgten einer Einladung zu einer größeren Gesellschaft von Deutschen. Kubilai war auch kein richtiger Muslim, so wie ich kein richtiger Christ war. Schon in der Grundschule hatte ich mit den Türken vor der Tür warten müssen, während die anderen im Religionsunterricht weilten. Aber kein Weihnachten werden wir wohl so in Erinnerung behalten. Die Russlanddeutschen waren ansonsten meist sehr zurückhaltend. Doch hier waren sie auf einmal in ihrem Element. Sie erzählten skurrile Geschichten von Rilke und Schiller und waren wie ausgewechselte Persönlichkeiten. Das Lustige ist, dass sie ja auch den Dialekt sprachen, der vor 200 Jahren im Schwabenland vorherrschte. Es war wie ein Dinner mit Goethe selbst. Der einzige Stilbruch war das gereichte Pferdefleisch. Und dann mischte sich zwischendurch immer wieder eine seltsame Melancholie. Ich weiß nicht, ob es die Mischung mit der Traurigkeit der russischen Seele war oder das Erbe des jahrhundertelangen Heimatverlustes. Sie alle hatten soviel Hoffnung, nach Deutschland gehen zu können, aber sie hatten auch Angst, was sie dort erwarten würde. Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, dass der Bahnhof von Bischkek 1946 von deutschen Zwangsarbeitern gebaut worden war, von denen die meisten gestorben sind.

Dann bekam Kubilai sein Visum und wir machten uns auf den Weg zur chinesischen Grenze. Inzwischen wollte ich eigentlich gar nicht mehr nach China. Aber wie es der Zufall so wollte, saß im Zug eine schwedische Reisegruppe von Studenten der Archäologie. Sie hatten ein reguläres Zugticket für die transsibirische Eisenbahn schon zu Hause erworben. Einer hatte ein Wikingerschild dabei, das er auf ihrer vorherigen Station in Sibirien erworben hatten und sie erzählten, dass sie zu Ausgrabungen fuhren. Es wurde eine kurzweilige Zugfahrt mit vielen interessanten Informationen über die Geschichte Mittelasiens. Langsam näherte sich die chinesische Grenze. War ich bisher unbesorgt gewesen, so zog sich in meinem Magen nun etwas zusammen. China war ein unbekanntes Land, eine andere Kultur, die Repressionen gegen Uiguren und Tibeter ausübten. Andererseits zog es mich auf das Dach der Welt in Tibet.

Doch an der Grenze wurden wir alle aus dem Zug geholt. Jeder musste in einer Reihe seine Ausweise und Dokumente vorzeigen. Ich stellte mich als letzter an in der Hoffnung, dass ich irgendwie übersehen würde. Ich hatte mich schon öfters z.B. in Zügen unsichtbar gemacht, wenn ich einen Aufschlag für eine Fahrkarte nicht zahlen wollte. Doch der strenge Blick des chinesischen Grenzhüters war unmissverständlich. Es dauerte noch eine Weile, dann war klar, dass meine neuen schwedischen Freunde und Kubilai die Reise ohne mich weiterführen mussten. Wir wünschten uns viel Glück und ich tapperte einmal mehr zurück in eine kalte Bahnhofshalle, in der sich zu allem Unglück auch noch heraus stellte, dass der Zug zurück erst am nächsten Tag fahren würde. Ins Hotel ging es ja aus bekannten Gründen nicht, und so machte ich mich auf eine einsame Nacht gefasst. Mal sehen, ob ich diesmal mit dem Zählen bis 10.000 käme.

Doch wie es so ist. Eine armenische Reisegruppe erschien, die eine Hochzeit feierten und das Lustigste darstellte, was ich jemals gesehen habe. Sie sprachen eine Form des aramäischen, die auch Jesus gesprochen hat und hatte einen interessanten Klang. Jedenfalls in dieser Bahnhofshalle, wo das Echo der Stimmen durch die Kuppeldecken geworfen wurde. Die gesamte Nacht durch wurde getanzt, Frauen mit Männern, Männern mit Männern, Frauen mit Frauen. Es gab keine Pause hier in der Mitte des Nirgendwo und jeder war freundlich zu mir. Es war wirklich etwas besonderes und ich hätte das nie erfahren, wenn ich das Unmögliche nicht versucht hätte. Ich fuhr zurück nach Bischkek zu Susanna uns sie freute sich riesig. Wir hatten ja vereinbart in Kontakt zu bleiben, aber dass sie mich so schnell wiedersehen würde, hätte sie nicht gedacht.

Ein weiterer Monat verging und irgendwann musste wir uns ade sagen. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie nach Europa gehen wollte. Es wohnten auch in ihr zwei Seelen in einer Brust. Zu allem Überfluss bekam sie auch noch Scharlach, was in Russland bedeutete, für Wochen in ein hässliches Quarantänehaus gesteckt zu werden. Bevor ich fuhr, wollte ich sie ein letztes Mal besuchen. Das Gebäude lag inmitten einer heruntergekommenen ehemaligen Barrackenanlage, durchzogen mit diesen riesigen Gasröhren, die offen durch die Stadt führten und aus denen es manchmal zischte und brodelte. Nur durch eine Klappe konnte ich ihr mein Abschiedsgeschenk hindurch reichen: 10 Snickers.

Dann zwang ich mich, mein nächstes Reiseziel zu definieren. Noch musste ich ja den Stein aus dem Altaigebirge für meinen Freund zu Hause besorgen. Und die Stadt, wo es hinging, war Ustkamenagorsk, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist, weil es die geheime Atomstadt Russlands zur damaligen Zeit war. Aber das wusste ich ja auch nicht. Es stand aber am Bahnsteig angeschrieben.

Wieder einmal wandelte sich die Landschaft vor dem gemächlich vor sich hin tuckernden Zugfenster. Die Taiga begann, die Bäume wurden kleiner, die Weiten des Nichts ausgedehnter. Und dann sah man die ersten Züge des Gebirges, das möglicherweise eine Wiege der frühesten Zivilisationen darstellt, weil hier die ältesten Artefakte von Mond- und Sonnenkalendern gefunden wurden, und alles darauf hindeutet, dass hier auch der Wolf domestiziert wurde. Wenn man alle Hunderassen genetisch betrachtet, dann ist die Dichte der genetischen Vielfalt in dieser verlassenen Gegend seltsamerweise am größten. Und vielleicht braucht man hier auch einen Hund als Begleiter, wenn man diese kargen Eislandschaften aushalten will, in denen es nur im Sommer kurz mal unerträglich heiß und von Mücken überschwärmt wird. Heute hat allerdings kaum jemand mehr einen Hund aus dem einfachen Grunde, weil die Wohnungen zu beengt sind und das schmale Budget nicht für Futter reicht. Stattdessen lungern tausende von ausgesetzten Mischlingen in den Straßen herum und bellen jeden an, der ihnen zu nahe kommt.

Und auch hier stieß ich sofort auf eine Gruppe von Jugendlichen, die in einem Park sich die Zeit vertrieben. Es stellte sich heraus, dass es die in Russland einigermaßen bekannte Musikgruppe namens Hash war, und der Name war auch Programm. Sie hatten noch nie einen westlichen Menschen gesehen. Aber auch hier keine Nachfragen, kein Interesse an europäischem Feuilleton, an deutscher Lebensweise. Sie hatten an Musik alles, was sie brauchten, Pink Floyd, Led Zeppelin, Theo Doors, Jimmi Hendrix, Janis Choplin und jede Menge Hippiezeugs. Meine Technokassetten kamen wie in zuvor auch hier nur mittelgut an. Techno war ja gerade erst vor einem Jahr erfunden worden und hier komplett unbekannt.

Sie veranstalteten mir zuliebe eine Willkommensparty, die daraus bestand, dass sie einen Teil ihrer Bühnenshow aufführten und sich alle innerhalb von einer bis zwei Stunde so besoffen, dass sie vor Mitternacht einschliefen. Ich legte mir gemütlich eine Platte nach der anderen auf, bis die ersten wieder aufwachten und die Sause wieder eine Stunde weiterging, bis alle wieder total dicht waren. Kein Wunder, dass Russland weltweit die höchste Zahl an Alkoholtoten zu beklagen hat.

Hier konnte ich in einem großen Zentrum für Russlanddeutsche übernachten. Sie waren sehr freundlich, vermieden aber auch jedes Gespräch über Politik und meine Heimat, die ja ihr begehrtes Ziel war. Ich erhielt eine Einladung von dem Bürgermeister eine kleinen Dorfes ca. 100 km außerhalb der Stadt. Es ist so, dass Stalin die Völker in großem Maßstab umgesiedelt hat und kleine Kolchosen so zusammenstellte, dass sie ein heterogenes Gemisch darstellten. Mir ist der Name des Dorfes entfallen, aber wahrscheinlich war es wie eine Millionen andere. Ein paar hunderte Leute, Russen, Deutsche, Kasachen und ein paar andere betrieben ein paar Hundert Hektar große Landwirtschaft mit Geflügel, Schweinen und Pferde, die als Arbeitstiere eingesetzt wurden.

Man schlachtete ein Schwein vor meinen Augen, damit ich Stadtmensch das auch mal gesehen hätte und bereitete eine große Schlachtplatte vor, derweil ich mit dem Bürgermeister in die Sauna ging, die hier auf dem Lande jedes Haus selbstverständlich hat. Zurück in der Stadt besuchten wir noch ein Eishockeyspiel der ersten russischen Liga. Was mir die Ehre verschafft hat, weiß ich nicht. Es wurde auch keinerlei Andeutung eines Wunsches gemacht. Oder ich habe irgendwas nicht verstanden. Ich spürte eine leicht Erkältung in Anmarsch. Ich dachte, dass ich mich mehr nützlich machen könnte, aber die Erkältung zog schon sehr an und mein Kopf begann wahnsinnig zu schmerzen. Es war die berüchtigte chinesische Grippe.

Zwei Wochen würde ich mit so rasenden Kopfscherzen darnieder liegen, dass ich teilweise davon blind wurde. Der Höhepunkt war am Mittag, wenn die Sonne am hellsten war. Ich konnte nichts anderes tun, als in meinem Zimmer zu bleiben und zu hoffen, dass es vorbeiging. Einmal war ich im Krankenhaus, dessen Einrichtung allein aus einem Bett und einem Stuhl im Zimmer bestand. Es gab außer Aspirin keine Medikamente und auch keine Behandlung. Das hatte ich schon mal in Marokko erlebt, wo der Medikamentenschrank des Krankenhauses aus nur wenigen Packungen Arznei bestanden hatte, die man auch als Landsmann käuflich erwerben musste. Und zu allem Überfluss kam die Polizei vorbei und fragte mich ausführlich aus. Ich berichtete von allem Wahrheitsgemäß und erfuhr, das das Nos, dass sich in einer Falte meines Rucksacks versteckt hatte, hier illegal sei. Das aber eher mit einem Lächeln.

Da ich befürchtete, meinen deutschen Gastgebern Schwierigkeiten zu bereiten, setzte ich mich noch nicht ganz genesen in den Zug nach Moskau, nachdem ich noch einen schönen Stein für meinen Freund zuhause aufgelesen hatte. Vier Tage sollten zur Heilung reichen, sagte mir meine innere Stimme. Und so wurde es auch hier ein herzlicher Abschied, sie winkten zum Ende mir ihren Taschentüchern und hatten Tränen in den Augen, ich weiß bis heute nicht warum. Denn nie habe ich einen der Menschen jemals wiedergesehen. Sie hatten meinen Namen, sie wussten, dass sie Deutschland jederzeit willkommen wären, aber nie hat sich jemals jemand wieder gemeldet. Also auf diesem Weg ist jeder herzlich eingeladen, mich zu kontaktieren, falls er sich noch erinnert.

Die Reise war noch nicht vorbei. Denn ich brauchte ja Papiere, um das Land verlassen zu können. Und das war nicht so leicht, wie ich es mir vorgestellt hatte. Moskau ist ein heißes Pflaster und hier ist man nicht so zimperlich mit Scheintouristen, die sich in ihrem schönen Land umsehen wollen. Viele Kriminelle, die in Europa oder sogar weltweit gesucht werden, finden hier einen Unterschlupf. Unter diesem Aspekt sollte man auch verstehen, warum dieses Land nie eine wirkliche Chance zur Demokratie hatte.

Ich wusste nicht, wo ich hin sollte, ging in ein großes Westhotel und sagte, dass ich kein Geld für eine Übernachtung hätte, da mein Bargeldbestand auf 30 DM zusammengeschrumpft war. Und ob sie etwas wüssten, wo ich unterkommen könnte. Sie waren sehr unsicher und ich wartete die halbe Nacht in der Lobby. Als ich schon dachte, jetzt geht wieder diese Polizeinummer los, boten sie mir aus Gefallen ein kostenloses Zimmer für einen Tag an, damit ich mich waschen könnte und die Botschaft aufsuchen. Und das war sicherlich auch für sie nicht ganz ungefährlich. Immer wieder habe ich diese Zivilcourage erlebt und das Motiv zu helfen. In dem Zimmer, das im obersten Stock an der Ecke lag, hatte ich die Vision eines zusammenstürzenden Hochhauses, das mich noch jahrelang verfolgte. Ich sah überall immer wieder diese Szenerie bis mir 2001 klar wurde, was die Verbindung war.

In der deutschen Botschaft konnte man mir allerdings nicht helfen. Sie war völlig überlaufen und hatte ernsthaftere Probleme als einen aus der Zeit gekommenen Hippie zu betreuen. Aber ich traf dort ein Pärchen. Die Frau war aus Deutschland und wollte mir helfen. Sie schienen Verbindung zur Mafia zu haben und wir tranken einige Male mit seltamen Gesellen, die auch ihnen sichtbar unangenehm waren. Ein weiteres Erlebnis aus der Reihe: Kannst du so im Pauschalurlaub nicht erleben. Wir kochten oft zusammen und vermieden auch hier wieder jegliches Gespräch über persönliche Dinge. Nach einer Woche sagten sie, dass ich zum KGB gehen könne, um ein Ausreisedokument zu erhalten. So ganz wusste ich jetzt auch nicht, wem ich noch vertrauen konnte, aber eine große Auswahl hatte ich nicht.

Das Gebäude mit der Nr. 42 lag in einem abgelegenen Stadtviertel. Ich atmete tief durch. Gestresste Menschen gingen ein und aus. Viele schwarze Menschen, die man in Russland ansonsten fast gar nicht sah. Ich wurde in ein Vorzimmer geführt und musste ca. 2 Stunden warten. Dann öffnete ein kleiner Mann die Tür und gebot mir einzutreten. Es war ein bisschen wie bei Kafka. An der Wand hing ein schiefes Bild. Er musterte mich eine ganze Weile und sprach dabei kein Wort. Schließlich sagte er: Sie haben 24 Stunden Zeit, das Land zu verlassen und unterschrieb ein Papier. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Wahrscheinlich hatte er per Gedankenlesen herausgefunden, dass ich kein Drogenhändler war und auch keine Bank ausgeraubt hatte. Und wahrscheinlich auch, dass mein Bargeldbestand geschrumpft war und hier nichts zu holen war. Sonst hätte ich mir ja auch irgendein Papier auf dem Schwarzmarkt kaufen können.

24 Stunden sind nicht viel, wenn die bellarussische Grenze 800 km weit entfernt ist und man als Westler kein Zugticket kaufen kann. Ich hatte auch keine Lust mehr auf Bahnhöfe. Das Bahnhofzeitalter war vorbei, ich trampte. Und tatsächlich fuhr auch jemand nach Minsk, der glücklich war, jemand zum Ablenken bei sich zu haben. Zwar wurde auch hier kaum geredet, aber irgendwie scheinen die Russen glücklich zu sein, wenn sie ein wenig Körperwärme und Herzlichkeit verströmen können. Ein letztes unsympathisches Erlebnis gab es noch an der Grenzkontrolle, wo ich komplett gefilzt wurde und dann war das Russlandabenteuer vorbei. Vom letzten Geld kaufte ich mir ein Busticket nach Warschau und gab den Rest meinem Fahrer für die entstandene Wartezeit an der Grenze. In Warschau wohnte eine mit meinem Vater befreundete Familie, und es wurde ein schöner Abschluss dieser Reise.

Andreas Bleeck 1.1.2022