Die Zahl 12
(aus: Einführung in die sozialwissenschaftlichen Grundlagen der Astrologie, Band II)
Der Aufbau des Tierkreises ist ein polarer, dem Sonnenlauf und den Jahreszeiten nachgebildeter. Dabei stehen sich die Sonnenwenden genauso gegenüber wie die Tag- und Nachtgleichen. Die 12 Sternzeichen sind ja eine reine Projektion der Jahreszeiten an den Himmel. Jedem Sternzeichen ist ein anderes in der Opposition zugeordnet, so dass wir von 2×6 Achsen sprechen können, die jeweils drei unterschiedlichen Qualitäten innerhalb einer der vier Jahreszeiten repräsentieren.
Auf dem Lauf der Erde um die Sonne schneidet ihre Äquatorbahn die Ekliptik zweimal.
So entstehen die Ausgangs-punkte eines sich wiederholenden Kreislaufs. Die Opposition ist somit auch kein unvereinbarer Gegensatz, sondern eine Ergänzung einer sich ähnelnden Qualität von einer gegensätzlichen Perspektive aus, die als Grundlage der Entwicklung von Kreisläufen dient. In ähnlicher Form ist der Zyklus des Lebens von der Geburt und dem Tod geprägt und die Bedeutung des Geburtshoroskops ist direkt aus dieser Vorstellung eines beginnenden Zyklus abgeleitet, in den sich die Persönlichkeit einschreibt, egal ob man an eine Seele glaubt oder nicht.
Wichtig für die astrologischen Deutungen ist dementsprechend das Prinzip des Gegenpols. Die Oppositionen fordern zur Synthese auf, so wie es im Leben auch immer darum geht, widersprüchliche Themen aufzulösen und auf einer höheren Ebene zusammenzubringen. Das Gesetz der Polarität besagt innerhalb der systemischen Theorien, dass alles im Universum zwei entgegengesetzte Pole oder Aspekte hat, die miteinander verbunden und voneinander abhängig sind.
Die Polaritäten existieren in einem Kontinuum, wobei jeder Pol seine eigenen einzigartigen Eigenschaften und Qualitäten hat. Elektronen haben eine positive und eine negative Ladung. Je nach Ausrichtung entstehen Magnetfelder, die sich anziehen und abstoßen mit einem Nord- und Südpol. Auch Gravitationskräfte wirken immer wechselseitig. Das 3. Newton‘schen Gesetz besagt: Übt A eine Kraft auf B aus, so übt B eine gleich große, entgegengesetzt gerichtete Kraft auf A aus. Es ist ein ständiges Ringen um Gleichgewicht, dass etwa in den Gezeiten der Meere eine große Kraft entwickeln kann.
Alles kann von zwei Seiten aus betrachtet werden. Licht und Materie zeigen je nach Perspektive sowohl Wellen- als auch Teilcheneigenschaften. Thermodynamische Systeme tendieren zur Unordnung (Entropie), bilden aber gleich-zeitig lokale Inseln von Ordnung aus. Alle Teilchen (Elektron, Proton, Neutron etc.) haben jeweils ein Antiteilchen. Nichts im Universum der Objekte ist ohne seinen Gegensatz.
Und auch auf der Erde: Der Wechsel von Licht und Dunkel als Tag und Nacht bildet einen Grundrhythmus des Lebens, wie das Kommen von Ebbe und Flut. Fortpflanzung beruht auf der Vereinigung einer Geschlechterpolarität. Jeder Atemzug ist ein rhythmisches Gegenpolsystem, ebenso wie eine Muskelkontraktion (Beuger), die auf der anderen Seite eine Entspannung bedingt (Strecker). Aktivitäten wie Arbeiten und Freizeit bedingen Regeneration und Schlaf.
Das Leben allgemein findet in einem zyklischen Geschehen von Geburt – Wachstum – Verfall – Tod und Neubeginn statt. Dazwischen bilden sich die persönlichen Zyklen, die wir auch im Horoskop angedeutet finden. Das Gegenpolprinzip regelt auch die Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen als Ergänzung der Pole. Gleich und gleich gesellt sich gern, (bis es überdrüssig wird), aber Gegensätze ziehen sich bei aller Abstoßung auch fasziniert an.
Von der Spannung lebt die Beziehung, wie der gesellschaftliche Diskurs von den dialektischen Gegensätzen. Tatsächlich haben jedes Ereignis, jede Person und jedes Ding auf der Welt sowohl positive als auch negative Aspekte und es ist wichtig, beiden Anteilen gleichermaßen Raum zu geben. Ansonsten brechen die verdrängten ‚Schatten‘ unkontrollierbar hervor. Sigmund Freud sprach von Fehlleistungen des Unterbewussten, wenn die andere Seite nicht an-geschaut wird.
Die Bedeutung der Zahl 12 für ein System wie die Astrologie ist kein Zufall. Sie spielt in kosmologischen Vorstellungen eine genauso große Rolle, wie in modernen quanten-theoretischen Modellen, weil sie sowohl die Kombination von 2×6, als auch die von 3×4 erlaubt. Es gibt 6 Quarks, die die Grundsteine der Materie bilden und zusammen mit ihren Antipoden als Antimaterie auch die Zahl 12 ergeben. Es gibt 4 Symmetriemuster (Spiegeln, Drehen, Kippen und Drehspiegeln), 4 Erhaltungsgesetze, und 4 Grundkräfte (schwache und starke Wechselwirkung, Gravitation und Elektromagnetismus) und es gibt drei Zustandsformen (fest, flüssig, gasförmig), drei Zeitformen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), drei Dimensionen des Raums (und somit drei Freiheitsgrade der Bewegung), und drei Grundbausteine des Atoms (Proton, Neutron, Elektron). Nur in einem dreidimensionalen Raum können die Prinzipien der Elektrodynamik und Gravitation übrigens stabil funktionieren.
Das interessante der Zahl 12 ist auch ihre Verknüpfung mit der Zahl 7. Das menschliche Gehör nimmt die sieben Töne einer Tonleiter als harmonisch wahr, aber in Wirklichkeit besteht die Tonleiter aus 12 Halbtonschritten. Das Ohr sucht nach harmonischen Dreiklängen und mag Musik im Vierertakt. Das Auge nimmt sieben unterschiedliche Farben wahr, welche den alten Planeten zugeordnet werden können.
Davon sind sechs Komplementärfarben. In der Farblehre von Goethe aber gibt es 12 Komplementärfarben. Das Kurzzeitgedächtnis kann sich bis zu sieben Dinge gleich-zeitig merken. Es ordnet diese gerne in Kategorien von Dreier oder Vierersequenzen, so dass sich die Dimensionen der Kategorien im Bereich 12 bewegen.
Auch die Sprache besteht aus einem Zusammenwirken einer 3×4 Matrix. Es gibt drei Satzformen (Subjekt, Prädikat und Objekt), sowie drei Zeitformen. Die meisten Sprachen kennen dazu vier Fälle. Sie erlauben die Verhältnisse von Handelnden, Zugehörigkeit, Empfänger und betroffenem Objekt als Kasusfunktionen darzustellen. Aspekte können perfektiv, imperfektiv, progressiv und habitual sein, der Modus indikativ, konjunktiv, imperativ oder Konditional.
Die Zahl 12 stellt eine Verdopplung der Zahl 6 dar, die eine besondere Zahl innerhalb der Mathematik ist. Die Babylonier benutzten für die Messung der Zeit ein Hexagesimalsystem, das bis heute in Gebrauch ist. Sie teilten die Stunde in 60 Minuten und die Minute in 60 Sekunden. Die Länge einer Sekunde, die sich aus dieser Teilung des Tages ergibt, korrespondiert mit er Länge der Gehirnwellen im Wachzustand. (Eine Alphawelle schwingt zweimal pro Sekunde). Mit dem Hexagesimalsystem ergibt sich eine leichtere Übertragbarkeit der Zeitmessung mit den Himmelsbeobachtungen eines 360 Grad-Kreises. Denn diese 360 Grad lassen sich in Abschnitte von 12×30 bzw. 24 x 15 teilen.
Zudem lässt sich die Umdrehung der Erde um die Sonne mit 365 Tagen sehr gut in diesem 360 Gradkreis darstellen. Aber auch innerhalb von computionalen Modellen spielt die Zahl 6 eine große Rolle. Sie ist die einzige Zahl, die gleichzeitig die Summe ihrer Teiler ist (1+2+3). Und auch die kleinste Zahl, die durch 2 und 3 teilbar ist. Zudem ist sie die kleinste Zahl aus der Multiplikation von zwei Primzahlen (2 und 3), was in der Faktorenanalyse eine große Rolle spielt. Die Fakultät von 6, also die Multiplikation 1x2x3x4x5x6x ergibt 720, was zweimal 360 ist. Gleichzeitig ergibt die Summe über 6, also 1+2+3+4+5+6, die Zahl 21, die wiederum eine Fibonaccizahl ist (2,3,5,8,13,21,34). Sie ist die einzige kleine Zahl, bei der diese Art Summenbildung funktioniert.
Die Zahl 21 liegt auch sehr nahe an den 20 Aminosäuren, aus denen alles Leben besteht und den 23 Chromosomen, die das menschliche Genom bilden. Auch in der Geometrie spielt die Zahl 6 eine große Rolle. Ein Sechseck hat drei gleichmäßige Spiegelachsen. Ein Würfel hat sechs Raumdiagonalen, über die er auch bestimmt werden kann. In einem zweidimensionalen kartesischen Koordinatensystem (x-y-Ebene) hat ein Punkt sechs benachbarte Punkte, wenn man Diagonalen zählt.
Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass es insgesamt zwölf Richtungen gibt, in denen ein Punkt einen anderen Punkt in der Ebene erreichen kann, und jede Richtung hat zwei benachbarte Punkte. In der baryzentrischen Koordinatendarstellung eines Dreiecks gibt es sechs spezielle Punkte, die als ‚Trilineare-Punkte‘ bekannt sind. Diese Punkte spielen eine wichtige Rolle in der geometrischen Analyse von Dreiecken.
In der Kristallographie sind sechseckige Gitterstrukturen häufig anzutreffen wie etwa bei Basaltgestein oder Siliciumverbindungen. Seine Elektronenkonfiguration endet mit 3s² 3p² – das bedeutet: es hat 4 Valenzelektronen. Dadurch ist es ein Tetraeder-Baustein. In Kristallen, wie z.B. Quarz, ordnen sich Silicium-Atome mit Sauerstoff-Atomen in SiO₄-Tetraedern an und verbinden sich zu einem Hexagonal-Gitter. Deshalb zeigt es (und viele Silicium-Verbindungen wie Bergkristall) häufig sechseckige Kristall-formen. Sie sind die Grundlage der Chips in Computern.
Das Molekül Graphen bildet als Spezialfall eine einzelne Schicht von Kohlenstoffatomen in einer hexagonalen Anordnung, und Fulleren hat kugelförmige Moleküle aus hexagonal geordneten Kohlenstoffatomen. Aufgrund der hexagonalen Symmetrie können hexagonale Kristalle anisotrope Eigenschaften haben, das heißt, ihre physikalischen Eigenschaften wie elektrische Leitfähigkeit, Wärmeleitfähigkeit und optische Eigenschaften, können in verschiedenen Richtungen unterschiedlich sein, was den Stoffen einzigartige Eigenschaften verleihen kann. Das Basalt des Vulkangesteins kühlt in Sechsecken aus, weil dies die günstigste Energieform ist.
Auch Wasser, der Grundstoff des Lebens, bildet hexagonale Strukturen der H2O Moleküle aus. Das lässt sich beim Gefrieren beobachten, wenn das Eis sechsspitzige Kristalle formt. Durch die hohe Packungsdichte der Sechseck-form gewinnt das Wasser seine Fähigkeit, unterschiedlichste Formen anzunehmen und sich der Umgebung anzupassen. Auch basiert alle organische Materie auf einer Anordnung von sechs Atomen zu einem Ring. Der Benzol-ring ist eine Molekülstruktur, die aus sechs Kohlenstoffatomen und sechs Wasserstoffatomen besteht.
Graphik 3: Benzolring und Wassermolekül
Jedes Kohlenstoffatom im Benzolring ist auf einer Ebene mit einem Wasserstoffatom verbunden. Die Sechseckstruktur ist gleichzeitig stabil und flexibel und erlaubt durch Doppel und Dreifachbindungen die Bildung komplexester Moleküle, deren einzelne Bestandteile leicht zu er-setzen sind. Wir sehen es nicht mit unserem Auge, aber auf der mikroskopischen Ebene ordnet sich alles in exakten Sechsecken.
Sichtbar im Größeren sind allein die Waben der Bienen.
Sie ermöglichen eine maximale Menge an Wachs mit minimalem Material zu verwenden. Die Wände der Sechs-ecke sind so gebaut, dass sie eine hohe Festigkeit aufweisen und dennoch leicht sind. Die sechseckige Form bietet eine maximale Effizienz beim Verwenden des verfügbaren Raums. Die eng aneinander liegenden Sechsecke minimieren die Leerstellen zwischen den Waben, wodurch die gesamte Struktur sehr kompakt, lüftungsfreundlich und raumsparend ist. Neue Waben können schnell hinzugefügt oder entfernt werden, ohne die Struktur zu gefährden.
Kein Wunder, dass diese Form auch in den Innenstrukturen der Raumschiffe in vielen Science-Fiction Filmen dargestellt wird. Es wäre vielleicht auch interessant, eine dreidimensionale Abbildung des Horoskops aufgrund einer hexagonalen Form zu gestalten.
Interessant ist auch ein Fakt aus der Netzwerktheorie. Wir sind mit jedem Menschen auf der Erde um sechs Ecken verbunden (Six Degrees of Seperation). Die Idee: Wenn man einem kleinen Reisbauern in China ein Paket schicken will, kann dies erreichen, indem man einem der hundert eigenen Freunde das Paket gibt mit der Bitte, es an einen der eigenen hundert Freunde zu schicken, usw. Nach sechs Schritten ist die Zahl theoretisch so groß, dass sie die gesamte Weltbevölkerung abdeckt. Das Ganze funktioniert nur, wenn wir es einen entfernten Freund geben, weil ein guter Freund dasselbe Netzwerk wie wir hat. Es ist gut, lose Bindungen zu pflegen, weil Freunde dieselben Gruppen abdecken.
Auch viele Dimensionen der Sozialpsychologie laufen über die Zahl 6 und 2×3 Grundbausteine.
Das elementarste System von Urprinzipien finden wir als Zweier-System in der Soziologie als Grundmerkmale von Agency (Selbsterhaltung) und Comunion (Gemeinschaftsgefühl). Im chinesischen Yin-Yang-Symbol zeigt es die Grund-Dualität unsres Lebens, die Polarität von Yang, männlich, aktiv, plus, Tag und Yin, weiblich, passiv, minus, Nacht. Aus ihrer Kombination entwickeln sich die Qualitäten der vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer. Sie entsprechen den Jung’schen Bewusstseinsfunktionen des Denkens (aktiv/langsam), Fühlens (passiv/langsam), Intuierens (passiv/schnell) und Wollens (aktiv/ schnell).
Daraus gehen auch die wichtigsten Kategorien der Persönlichkeitspsychologie hervor, die Big Five. Sie werden inner-halb des HEXAKO-Modells heute meist noch mit einem sechsten Item kombiniert, sodass sich als drei agentische Eigenschaften Extrovertiertheit, Offenheit und Wirkmächtigkeit definieren lassen und als drei comunale Eigenschaften Gewissenhaftigkeit, Sensitivität und Verträglichkeit.
Graphik 4: Sechs Bewusstseinsfunktionen mit Big Five