Die psychotherapeutische und astrologische Ausdrucksweise beinhaltet selten direkte Aussagen. Sie ist vielmehr eine zirkuläre Sprache mit unsichtbaren Anspielungen auf Symbole und Geschichten, deren Inhalte im Gespräch interpretierend entstehen und altbekannte Stoffe neu variiert werden. Es wäre eine wissenschaftliche Aufgabe zu beschreiben, wie solche Kommunikationen verlaufen und was ihren Kern ausmacht. Astrologische Modelle sind sehr gut auf diejenigen der Sozialpsychologie übertragbar und im Horoskop individuell darstellbar.
Es gibt in der Soziologie z.B. allein 2000 Studien zu den Persönlichkeitsmerkmalen der ‘Big Five’. Es wäre sicherlich lohnenswert, sie im Zusammenhang mit milieuspezifischen Verhaltensweisen auch in Hinsicht auf die Verbesserung astrologischer Beratungsmethoden hin zu untersuchen. Eigenschaften der Zielstrebigkeit, Extrovertiertheit, Offenheit, Emotionalität (Neuorotizismus) Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit bilden sozusagen die Kondensationspunkte für das Horoskop, an denen sich die ‚Planetennetzwerke‘ unserer Beziehungen aufhängen und über deren gefühlsgeladene Ausdrücke und gespiegelten Kommunikationen wir als Astrologen beschreiben können, was in einem Menschen vor sich gehen mag. Sie leiten sich aus der alten Elementeordnung und Temperamentenlehre ab, wie ich in Band II der ‚Astrologischen Soziologie‘ zeige.
Astrologie als Universalwissenschaft hatte meiner Meinung nach von Anfang an den Anspruch, ein umfassendes Modell des menschlichen Daseins zu entwerfen, das Voraussagen über das Verhalten aller möglichen Akteure zulässt. Je mehr andere Wissenschaften ihre Dienste als Kosmobiologen, Zeitmesser, kalendarische Verwalter, Wetterleser, Bevölkerungszähler, Religionskritiker u.ä. ersetzten, desto mehr konnte die seriöse Astrologie zu ihrem zentralen Gegenstand der Lebensberatung zurückkehren und sich von weltanschaulichen Erörterungen lösen, deren Nähe zu populistischen Weltbildern sie vielleicht auch zu sehr in Misskredit gebracht haben.
Mit dem Aufkommen der ‚Psychologischen Astrologie‘ in den 1980er Jahren wurde unser schönes Fach einem breiteren Publikum zugänglich, das allerdings inzwischen von der Masse der Angebote auf dem Selbsthilfemarkt und Therapiesektor verwöhnt war. In dem Bemühen, Geld zu verdienen, verdingten sich viele Astrologen als Lebensberater auf boomenden esoterischen Hotlines und verwässerten, mit ein paar Wochenendseminaren bestückt, die gerade enstandene psychologische Kompetenz. Akademisches Wissen war in den esoterischen Kreisen teilweise sogar verpönt und die Podcast-Astrologie wurde von diversen Strömungen vereinnahmt. In meinem Buch ‚Der kopierte Menschen – KI im Wandel‘ gehe ich auf die Geschichte dieser Art von ‚großen Narrativen‘ ein, die in Zeiten von Krisen einen Ankerpunkt für Menschen bilden können, die kein Vertrauen in die Gesellschaft aufgebaut haben und anfällig für populistische Bots, Fakenews und Machogehabe waren.
Doch gleichzeitig entstanden auch zahllose Diplomarbeiten mit astronomischen, archäologischen, anthropologischen und sozialwissenschaftlichen Astrologie-Bezügen an ein paar Universitäten der Welt. Ein seltsamer Kontrast. Seit den 00er Jahren gibt es in Deutschland und Frankreich umfangreiche Astrowikis, die die seriösen Arbeiten von Astrologen dokumentieren. Zudem entstanden Unternehmungen wie das ‚Projekt Hindsight‘, in denen alte klassische Texte aus dem griechischen und lateinischen ‚stilecht‘ übersetzt wurden. In Indien, sowie am Keplercollege in den USA und am ‚Sophia Centre‘ in Wales können seit der Jahrtausendwende akademische Abschlüsse wie ‚Geschichte der Astrologie‘, ‚Archäoastronomie‘, ‚Kulturgeschichte der Kosmologie‘ und ‚Kulturelle Astronomie‘ erworben werden. Die Ausbildungen gehören zu den Geisteswissenschaften und untersuchen die Rolle kosmologischer und astronomischer Untersuchungen in der menschlichen Kultur, einschließlich der Theorie und Praxis von Mythen, Magie, Wahrsagerei, Religion, Spiritualität, Architektur, Politik und Kunst, sowie die Deutungspraxis in der Geschichte der Astrologie.
Diese Phänomene der Vermischung persönlicher Weltbilder mit mysteriösen Narrativen der Gesellschaft zu untersuchen, bringt vielleicht Klarheit in die Frage, warum Menschen von Zeit zu Zeit sich in Spaltung, Hass und Krieg begeben, welche Rolle bis heute die Religionen darin spielen und welche Alternativen es gäbe, Spiritualität mit Wissenschaft zu verbinden. Der Astrologe in der Selbstbeobachtung seiner Gespaltenheit zwischen zwei scheinbar unüberbrückbaren Geisteshaltungen des menschlichen Daseins findet bei seiner Arbeit eine Art Schlüssel, der es ihm erlaubt, auch andere in ihrer Zerrissenheit zu erkennen und die oft verborgenen Geschichten dahinter zu formulieren. Das diese Art der Betrachtung im höchsten Maße subjektiv ist, lässt sich nicht leugnen. Im neuen KI-Zeitalter wäre es allerdings wünschenswert, bessere Qualitätsstandards zu formulieren und zu erforschen, welche Art spiritueller Lebensberatung in welchen Situationen hilfreich sein kann und wie diese durchaus interessanten Instrumente computerunterstützter Kommunikationsangebote in die Gesellschaft hineinwirken.
Eine umfassende Theorie über das, was Astrologie für die Gesellschaft leisten kann, fehlt allerdings noch. Die Vernetzung ist noch gering und der Wissensaustausch über Ländergrenzen hinweg bescheiden. Mit den weltweit eingesetzten Geldmitteln ließe sich wahrscheinlich nicht mal der Verteidigungsetat von Luxemburg finanzieren. Doch KI macht es möglich, dass auch Menschen ohne Zugang zu akademischen Lehrmitteln Forschung betreiben können und so steht vielleicht eine Renaissance der Astrologie an, in der es zu einem vernetzten Wissen über die verschiedenen Methoden kommen kann. Wir stehen noch am Anfang des Verständnisses, was Bewusstsein ist und welche Bedeutung symbolgeladene Geschichten wie Märchen, Heldenepen, Kosmologien und andere mythische Narrative für das Lernen und die Identitätsbildung haben.
Im Grunde sind wir nur Spurenleser in einem unfassbar komplexen Universum, dessen Regeln wir grade erst beginnen zu begreifen und schon kommt die KI, und knöpft uns diese Aufgabe ab. Es bleibt an uns Bio-Humanoiden, trotzdem eine stabile Identität zu gewinnen und aus den uns zugänglichen Mustern und Gesetzen ein Ganzes zu formen.