Auszug aus dem Buch: Einführung in die sozialwissenschaftlichen Grundlagen der Astrologie
Wo würde Astrologie platziert sein, wenn man sie in dem Kanon der Wissenschaften verorten wollte? Man kann alle universitären Disziplinen in drei Bereiche der Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften unterteilen. Auf diese Weise kommen ‚artverwandte‘ Fächer in räumlicher Nähe zu liegen. Manche liegen auf den Schnittstellen wie etwa die Psychologie und Medizin zwischen Sozialem und Naturwissenschaftlichem oder das Theater und Literatur zwischen Sozialem und Geisteswissenschaften.

Graphik Wissenschaftsblume mit Planeten
Wir sehen, dass die Astrologie einen durchaus logischen Platz erhält. Die Position zeigt, dass sie eher mit den Geisteswissenschaften und den gestaltenden ‚Künsten‘ des Triviums verbunden ist, als mit ‚kalkulierenden‘ Sozialwissenschaften.
Viele Astrologen haben sich malerisch, dichterisch, musikalisch und literarisch beteiligt. Es braucht Fantasie, um ein Horoskop zu deuten und auch eine gewisse transzendente Ebene, die ihr allerdings leicht als ‚Unwissenschaftlichkeit‘ ausgelegt werden kann. Ein Spagat, der sie im Gegensatz zur Architektur immer zum Außenseiter gemacht hat. Aber ein schönes Haus ist ja auch viel wichtiger als Horoskop.
Man kann nun die astrologischen Kategorien dazunehmen, und die Planeten den entsprechenden Bereichen zuordnen. Dann ergibt sich erstaunliches. Denn es liegen die Regenten der aktiven Zeichen in den Sozialwissenschaften nicht nur den Regenten der passiven Zeichen in den Geisteswissenschaften gegenüber, sondern auch so, dass jeweils zwei der Parallelzeichenregenten sich opponieren. Das ist eine weitere Bestätigung funktionierender Analogieketten zwischen Astrologie und sozialen Kategorien.
Dabei müssen wir allerdings die Naturwissenschaften außer Acht lassen.
Sie bilden eine Kategorie für sich und besitzen ja auch für die Gesellschaft für den Einzelnen wenig Relevanz, wenn er nicht gerade in einem der Bereiche tätig ist. Die Astrologie würde ebenfalls außerhalb der sozialen Kategorien landen und somit ist ihr auch kein eindeutiger Planet zuzuweisen. Man möchte ihr zwar oft einen ‚uranischen‘ Geist unterstellen, weil sie progressiv in neue Den-kuniversen vorzustoßen bereit ist, doch gilt das für alle anderen Naturwissenschaften auch.
Man kann hier auch schön die Grundidee Diltheys nach-vollziehen, die Wissenschaften zwischen Fächern einzuteilen, die man erklären muss und solchen, die man verstehen kann. Mit Erklären meinte er ursprünglich die Naturwissenschaften, aber man kann heute auch die Sozialwissenschaften so einordnen, weil sie bestrebt sind, objektive Gesetzmäßigkeiten für das Handeln zu finden, und statistisch belegbare Gesetzmäßigkeiten zu finden.
Den Geisteswissenschaften hingegen geht es darum, Sinnzusammenhänge zu verstehen, und untergründige Absichten aus Bildern, Filmen, Manuskripten, Musikstücken, Skulpturen, Gedichten und Mythologien zu erkennen und die subjektiven Erfahrungen der Lebenswelt mit ethnologischen Methoden zu erfassen. Etwas, das durchaus auch mit den passiven Sternzeichen und ihren Regenten Mond (Poesie), Venus (Design und Theater), Pluto (Religion und Mythologie), Neptun (Musik und Bildende Kunst), Saturn (Architektur und Archäologie) sowie Chiron (Ethnologie und Astrologie), in Einklang zu bringen ist.
Manche werden jetzt bemerken, dass ich mirdie Astrologie nicht als Naturwissenschaft, sondern als systemischen Beratungsansatz und Theorie psycho-sozialer Systeme vorstelle, was in den Bereich der Sozialwissenschaften fallen würde. Das ist richtig. Systemische Theorien gehören aber auch in den Bereich der Naturwissenschaften und eine Beratung kann auch vor dem Hintergrund einer logisch-kausalen Struktur geschehen und helfen, weltanschauliche oder philosophische Fragen zu klären und Erkenntnisse über den Aufbau der Welt vermitteln. Für manche Menschen sind die genauen Sprachformeln, die aus dem Lauf der Gestirne erfolgen, ein besserer Weg-weiser als manch schwammige Formulierungen aus dem Bereich der Lebenshilfe.
In der Graphik kommt die Astrologie dem Kleinplanet Chiron am nächsten. Der wurde von ihr neben Lilith 1977 ja als Symbol der ‚neuen Zeit‘ erkoren, als Heiler alles Unter-drückten, als Prototyp des ‚empfindenden Lehrers‘, als ‚Rückkehr zu Naturheilmitteln‘ und einer ‚nachhaltigen Landwirtschaft‘. Chiron, der Einzelgänger, ist mit einer Weisheit verbunden, die nur der erhält, der durch seine eigenen Abgründe zu gehen bereit ist. Und sein Leben dem Wissen über Grenzerfahrungen verschrieben hat.
Wir können aber natürlich auch jeden anderen Wirkpunkt als Vertreter des Sternzeichens Jungfrau einsetzen, wie etwa den Asteroid Vesta. Vielleicht könnte man sogar alle kleineren Objekte am Himmel als Vertreter des Jungfrauprinzips (und der Astrologie) auffassen. Aber Chiron spielt für unsere Zeit eine große Rolle und er ist an fast allen wichtigen Mundanhoroskopen beteiligt gewesen, wie ich in meinem Buch ‚Zeitenwende‘ gezeigt habe. 50 Jahre nach seiner ersten Sichtung sind wir mit der Entwicklung von KI, Weltraumforschung und Veränderungen durch Genomtechnologie – und wieder mit Chiron in Widder – in einer solchen Zeit angelangt, die alte Geister heraufbeschwört, und uns Sinnfragen abringt, die nachhaltige Erklärungsmodelle verlangen.
Niemand will die Zerstörung der letzten Ressourcen und die Versklavung unter dem Geist der Maschine. KI wird unser Denken verändern und uns die Grenzen aufzeigen. Umso wichtiger wird es, die inneren Landschaften zu erkunden und zu fühlen, wie wichtig das Recht auf unveränderliche Identität ist, aufgrund der wir freie Individuen mit gleichen Chancen sind und was es bedeutet, eine Gesellschaft zu kreieren, in der jeder seinem persönlichen Heilsweg folgen kann und jedes Fach seiner Wahl studieren darf. Auch die Astrologie.