Kapitel aus dem Buch ‚Einführung in die Astrologische Soziologie‚
Man kann alle universitären Disziplinen in drei Bereiche der Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften unterteilen. Auf diese Weise kommen ‚artverwandte‘ Fächer in räumlicher Nähe zu liegen. Manche liegen auf den Schnittstellen wie etwa die Psychologie und Medizin zwischen Sozialem und Naturwissenschaftlichem oder das Theater und Literatur zwischen Sozialem und Geisteswissenschaften.

Wir sehen, dass die Astrologie einen durchaus logischen Platz erhält. Die Position zeigt, dass sie eher mit den Geisteswissenschaften und den gestaltenden ‚Künsten‘ des Triviums verbunden ist, als mit ‚kalkulierenden‘ Sozialwissenschaften. Viele Astrologen haben sich malerisch, dichterisch, musikalisch und literarisch beteiligt.[1] Es braucht Fantasie, um ein Horoskop zu deuten und auch eine gewisse transzendente Ebene, die ihr allerdings leicht als ‚Unwissenschaftlichkeit‘ ausgelegt werden kann. Ein Spagat, der sie im Gegensatz zur Architektur immer zum Außenseiter gemacht hat. Aber ein schönes Haus ist ja auch viel wichtiger als Horoskop.
Man kann nun die astrologischen Kategorien dazunehmen, und die Planeten den entsprechenden Bereichen zuordnen. Dann ergibt sich erstaunliches. Denn es liegen die Regenten der aktiven Zeichen in den Sozialwissenschaften nicht nur den Regenten der passiven Zeichen in den Geisteswissenschaften gegenüber, sondern auch so, dass jeweils zwei der Parallelzeichenregenten sich opponieren. Das ist eine weitere Bestätigung funktionierender Analogieketten zwischen Astrologie und sozialen Kategorien.
Dabei müssen wir allerdings die Naturwissenschaften außer Acht lassen. Sie bilden eine Kategorie für sich und besitzen ja auch für die Gesellschaft für den Einzelnen wenig Rele-vanz, wenn er nicht gerade in einem der Bereiche tätig ist. Die Astrologie würde ebenfalls außerhalb der sozialen Kategorien landen und somit ist ihr auch kein eindeutiger Planet zuzuweisen. Man möchte ihr zwar oft einen ‚uranischen‘ Geist unterstellen, weil sie progressiv in neue Denkuniversen vorzustoßen bereit ist, doch gilt das für alle anderen Naturwissenschaften auch.
Man kann hier auch schön die Grundidee Diltheys nachvollziehen, die Wissenschaften zwischen Fächern einzuteilen, die man erklären muss und solchen, die man verstehen kann. Mit Erklären meinte er ursprünglich die Naturwissenschaften, aber man kann heute auch die Sozialwissenschaften so einordnen, weil sie bestrebt sind, objektive Gesetzmäßigkeiten für das Handeln zu finden, und statistisch belegbare Gesetzmäßigkeiten zu finden.

Den Geisteswissenschaften hingegen geht es darum, Sinnzusammenhänge zu verstehen, und untergründige Absichten aus Bildern, Filmen, Manuskripten, Musikstücken, Skulpturen, Gedichten und Mythologien zu erkennen und die subjektiven Erfahrungen der Lebenswelt mit ethnologischen Methoden zu erfassen. Etwas, das durchaus auch mit den passiven Sternzeichen und ihren Regenten Mond (Poesie), Venus (Design und Theater), Pluto (Religion und Mythologie), Neptun (Musik und Bildende Kunst), Saturn (Architektur und Archäologie) sowie Chiron (Anthropologie und Astrologie), in Einklang zu bringen ist.
Manche werden jetzt bemerken, dass ich die Astrologie normalerweise nicht als Naturwissenschaft, sondern als systemischen Beratungsansatz und Theorie psycho-sozialer Systeme vorstelle, was in den Bereich der Sozialwissenschaften fallen würde. Das ist richtig. Aber ich möchte die Astrologie ja auch erstmal mit sozialwissenschaftlichen Methoden beschreiben, bevor das große Thema der empirischen Überprüfbarkeit ihrer Aussagen ansteht. Systemische Theorien gehören in den Bereich der Naturwissenschaften und eine Beratung kann auch vor dem Hintergrund einer logisch-kausalen Struktur geschehen und helfen, weltanschauliche oder philosophische Fragen zu klären und Erkenntnisse über den Aufbau der Welt vermitteln. Für manche Menschen sind die genauen Sprachformeln, die aus dem Lauf der Gestirne erfolgen, ein besserer Wegweiser als manch schwammige Formulierungen aus dem Bereich der Lebenshilfe.
In der Graphik kommt die Astrologie dem Kleinplanet Chiron am nächsten. Der wurde (neben Lilith später) 1977 als Symbol der ‚neuen Zeit‘ erkoren, als Heiler alles Unterdrückten, als Prototyp des ‚empfindenden Lehrers‘, als ‚Rückkehr zu Naturheilmitteln‘ und einer ‚nachhaltigen Naturbewirtung‘. Chiron, der Einzelgänger, ist mit einer Weisheit verbunden, die nur der erhält, der durch seine eigenen Abgründe zu gehen bereit ist. Und sein Leben dem Wissen über Grenzerfahrungen verschrieben hat.
[1] Thomas Ring war etwa einer der führenden existentialistischen Maler seiner Zeit, Dane Rudhyar ein bekannter Komponist, der gut mit Leopold Stockhausen befreundet war, Alexander von Schlieffen erfolgreicher Maler und Jazzgitarrist, Anita Ferraris eine Theaterregisseurin, Sigrid Farber eine Literaturförderin und Monika Heer eine Museumsleiterin.
[2] Gute Bücher zu Chiron gibt es ganz neu von Monika Heer und Petra Niehaus und älter von Melanie Reinhart, Zane B. Stein, Verena Bachmann und Barbara Hand Clow.
[3] Als das richtige Horoskop von Chiron bevorzuge ich das von der ersten Fotografie am 18.10.1977. Saturn steht am AC für die Verletzung, das Quadrat von Mars zur Sonne für die Außenseiterrolle unter den wilden Kentauren, Mond in Steinbock für die Ablehnung durch die Mutter und die Venus auf 1 Grad Waage aus dem SGZ für die Verbindung zur Urmutter. Das Quincunx zu ihm selbst im 9. Haus spiegelt seine entwicklungsfördernde Verbindung zu Seherinnen und Heilerinnen und auch mit Jupiter in 11 im Trigon zu Uranus in 3 seine beratende Rolle für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und die Bereitschaft zu Quantensprüngen im Denken.
Die erste Fotosichtung von Chiron ist für mich das Horoskop der Astrologie selbst, da er auch als der erste Astrologe angesehen wurde und Chiron der Planet der Verletzungen, Außenseiterpositionen und Heilkünste ist. 2027, zu seinem ‚ersten Geburtstag‘ läuft die progressive Sonne über den Neptun und verbindet sein alternatives Wissen mit den spirituellen Welten zu neuen Bewusstseinstechniken.
