Die Psychoanalyse kennt die Instanzen von ES und ÜBER-ICH. Astrologisch lassen sie sich klassisch mit den Planeten Mond (Krebs) und Sonne (Löwe) gleichsetzen. Freud konnte sich lange nicht entscheiden, welchem psychischen Modell er folgen wollte und fügte schließlich eine dritte Instand zwischen ES und Über-Ich ein, das sozusagen den Ausgleich dieser beiden Bewusstseinsebenen schafft (Ich). Diese inneren Entwicklung Freuds entspricht die alte astrologische Frage, wie dieses Kern-Ich im Horoskop vertreten sein sollte. Mit Hinzunahme der Erde, (meist vertreten als Saturn) als dritten abstrakten Punkt wechselt die Bedeutung der Sonne – der Stab wird sozusagen übergeben und die Erde nimmt die Rolle des ÜBER-ICH‘s ein und die Sonne rückt auf die Position einer dritten Instanz des ‚ICHs‘, wie es auch in der Huberschule gelehrt wird.

Steuerung Sonne Bewusstsein
Realität Leitbild ÜBER-ICH

Lust Mond Unterbewusstsein
Trieb Beistand ES

Die älteste dieser psychischen Instanzen nennt er das ES; sein Inhalt ist alles, was ererbt und bei Geburt mitgebracht wird. Die aus der Körperorganisation stammenden Triebe sind als solche nicht beobachtbar. Sie können nur subjektiv als Spannungen oder Erregungen von Bedürfniszuständen interpretiert und nie ganz beendet oder voll befriedigt werden.

Die entsprechende Graphik entspricht im Groben der Dynamik im Horoskop, oben befinden sich die ‚überbewussten‘ Kräfte der Tageshälfte, unten die unbewussten der Nacht. Das ICH ist eine Instanz die zwischen dem ES und der Außen- bzw. Umwelt des Menschen vermittelt (im Horoskop das Aspektarium der Planeten). Damit ein Zusammenleben mit anderen Menschen möglich wird und nicht jeder nur die eigene Triebbefriedigung sucht, muss eine Beziehung zu anderen Menschen gestaltet und behauptet werden. Im Gegensatz zum Lustprinzip des Es nennt Freud es Realitätsprinzip. Die dritte Instanz ist das ÜBER-ICH, das die gesellschaftlichen Werte und Normen verarbeitet. Es formt sich im Verlauf der Sozialisation des Menschen durch Aneignung von Normen und die Internalisierung von Einflüssen der Kultur (Entkulturation).

Vom Gegensatz zwischen Lust- und Realitätsprinzip (astrologisch Mond und Sonne) wechselte Freud zum Drei-Instanzen-Modell von ICH, ES und ÜBER-ICH (astrologische Sonne, Mond und Erde) und sagte: Dort wo ES steht, soll ICH stehen. Astrologisch übersetzt: Wenn die unbewussten Bedürfnisse des Mondes (mithilfe der moralischen Regeln der Erdinstanz/ Saturn) erkannt sind, können die Qualitäten der Sonne voll in die Persönlichkeit einfließen. Das Über-Ich gilt als regulierende Instanz der Gesellschaft und als unpersönlicher Faktor. Saturn, aber auch neuerdings Chiron, stehen klassisch für die Ordnung im Gefüge, die äußere Struktur und das Gesetz, das es zu befolgen gilt.

Aktiva Instanz Aktiva

Chiron, Saturn…
Verstand Geist Vernunft

Sonne
Wille Seele Ego

Mond
Affekt Körper Emotion

Als Außenseiter unter seiner wilden Kentaurenbrüder war es an Chiron, an die Regeln des Zusammenlebens zu mahnen und seine Helden im Sinne von ehernen Prinzipien zu erziehen. Betrachtet man ihn als modernen Regenten der Jungfrau, dann erhalten wir die Abfolge Es, Ich und Über-Ich auch im Tierkreis als Entwicklungsschritte. Der Regent von Jungfrau ist klassisch Merkur, neuerdings auch Chiron (in der Trias der Mythologien z.B. auch als Hermes, Heiliger Geist, Minerva oder Paramatma erscheinend). Melanie Reinhart ordnete Chiron schon 1993 dem Zeichen Jungfrau zu, und argumentiert mit der Lehrerrolle Chirons und seiner Außenseiterposition (Chiron, 1993: 85).

Dem Löwen obliegt es, den instinktiven Trieben des Krebses zu entrinnen, sich aus der Abhängigkeit symbiotischer Beziehungen zu befreien und aus der eigenen Persönlichkeit zu schöpfen. Die Jungfrau wiederum soll diese Fähigkeit in den Dienst des Ganzen stellen und sich den unvermeidlichen Verführungen des Egos entziehen, dass den Löwen auf die falsche Spur bringen kann. Denn erst wenn die persönlichen Qualitäten zum Wohle aller eingesetzt werden, entsteht eine vollständige Individualität.

Dann können die Einflüsse des ÜBER-ICH als eigene Denkleistung vollzogen werden und die eigene Emotionalität richtig eingeordnet. Wenn wir diese drei Schritte erfolgreich vollzogen haben, können wir andere Menschen so sein lassen, wie sie sind, und suchen die Schuld an vermeintlichen Miseren nicht mehr in Außen. Das Schwanken zwischen den Modellen mit zwei und drei Modalitäten, die ja Einfluss auf die Bedeutung der Sonne haben, ist auch auf die Erziehung übertragbar. Ein Elternteil übernimmt zunächst den fürsorglichen und emotionalen Part (Mond, ES) und der andere das nüchtern, normative Leitbild (Sonne, ÜBER-ICH). Es ist später aber noch eine dritte Instanz beobachtbar, die situativ durch beide Eltern und zusätzliche Mentoren übernommen wird und die das Kind in der Selbstbehauptung unterstützt, sobald es beginnt, eigene angemessene Denk- und Wahrnehmungsleistungen zu zeigen. Er kommt in Situationen zur Geltung, wo eine besondere Willensanstrengung erforderlich ist, um sich durchzusetzen.

In den ersten Lebensjahren steht die Sonne demnach für die externalisierten Kräfte des ÜBER-ICH’s in Form äußerer Leitbilder. Es bestehen noch keine umfassende Fähigkeiten zur Vernunft. Diese müssen in einem zweiten Aneignungsprozess erworben werden und damit auch eine Art ‚Zweites Ich‘ ausgebildet werden, an dem sich der Mensch für andere abschätzen lässt. Es wird in manchen alchemistischen Büchern auch durch die ‚neue Sonne‘ symbolisiert. Für das ÜBER-ICH treten Planeten wie Chiron und Saturn anstelle der ‚alten Sonne‘ und helfen die Psyche zu regulieren und den zunehmenden Anforderungen durch die Umwelt angemessen zu begegnen.

Die vernunftorientierten Prinzipien werden schließlich durch alle Planeten im Horoskop umgesetzt. Wenn soziale und emotionale Fähigkeiten voll ausgebildet sind, kann man dann auch die wirklichen Qualitäten von Sonne und Mond erkennen. Bis sie ihre Modulierung durch die restlichen zehn Prinzipien erhalten haben, bilden sie eigentlich noch keine eigenen Eigenschaften aus, sondern nur Imitationen der Umwelt. Chiron repräsentiert später dann im Dreiklang mit dem Mond in Krebs und der Sonne im Löwen die Instanz der Vernunft im Zeichen Jungfrau. Der Schritt von dem Modell der Zweiheit von Sonne und Mond (respektive Bewusstes und Unbewusstes) zum Modell der Dreiheit von Sonne, Mond und Erde (respektive ICH, ES, ÜBER-ICH) ist nicht ganz leicht nachzuvollziehen, doch ist dies allgemein das Problem mit Dreierkonstellation. Sie glitschen wie ein Aal aus den Händen, wenn man glaubt sie gepackt zu haben.

Das Problem hatte auch Freud. Er war mehrere Jahre auf der Suche nach seiner zweiten Topik mit sich selbst beschäftigt und musste die schmerzhafte Abtrennung seiner ‚Jünger‘ Adler und Jung verkraften, die eine eigene Idee zu dem Instanzenmodell vertraten. Es ist nicht so, dass das ÜBER-ICH vollständig bewusst wäre und das ES vollständig unbewusst. Auch in jungen Jahren haben wir durchaus einzelne sinnvolle Denkleistungen, die uns zeigen, dass in uns unterbewusste Triebe schlummern, denen wir nicht ganz Herr werden können. Doch sind wird zumeist erst mit Mitte Dreißig in der Lage, diese Dynamik vollständig zu reflektieren, so dass wir volle Verantwortung für unser Handeln übernehmen können. Vorher sind es meist nur kurze Einblicke in die Geworfenheit des Schicksals, die der weiteren Korrektur und Reflexion bedürfen.

Nicht nur die Deutung der Sonne unterliegt einem Entwicklungsprozess. Astrologisch gesehen müssen wir bei jedem Planeten die Veränderung der Bedingungen, in der es auch phasenweise Rückschritte gibt (Regredierung), mit einbeziehen. Sozialisation ist mit Durkheim und auch George Herbert Mead allgemein ein Aneignungsprozess. Bestehende Werte, Normen, Deutungs- und Bedeutungssysteme muss sich der Mensch von Geburt an über Sprache und Gesten aneignen; die Gesellschaft steht als Ordnungs- und Strukturzusammenhang im Vordergrund. Freud, der zeitgleich mit Durkheim und Mead lebte, vertrat die Ansicht, dass Sozialisierung eine Art ‚Zähmungsprozess‘ der ‘Enkulturation’ ist. Wie ich es in ‚Astrologie und Psychoanalyse‘ ausführlich besprochen habe, sind die Modelle der späteren Analytiker aus ihrem Horoskop erkennbar. So wie Freud mit der Mond/Saturn Konjunktion in Haus 8 zu rigidem Verhalten und patriarchischen Weltbildern neigte, so warnte Wilhelm Reich mit seiner Widdersonne im Quadrat zu Mars, der Konjunktion von Saturn und Uranus und dem Wassermann AC vor bornierter ‚Regelkunde‘ auf dem Therapiesektor und sah die Instanz des Über-Ich überwiegend negativ in Bezug auf die freie ‚Entfaltung der Impulse‘ aus dem ES.

Freud unterstellt ähnlich wie Durkheim und Mead eine primäre Wichtigkeit des Moralitätsprinzips. Kultur, und damit die Organisationsform sozialen Handelns in Gesellschaft, ist ohne Triebkontrolle nicht zu haben. […Die Ersetzung der Macht des Einzelnen durch die Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle Schritt. Ihr Wesen besteht darin, dass sich die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungsmöglichkeiten beschränken, während der Einzelne keine solche Schranke kannte. (…) Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. (…) Durch die Kulturentwicklung erfährt sie Einschränkungen, und die Gerechtigkeit fordert, dass keinem diese Einschränkungen erspart werden…] . Die Aneignung kultureller Standards, die sich im ÜBER-ICH (moralische Gewissensinstanz) abbilden, macht Gesellschaft erst möglich. Diese Standards beeinflussen das ICH stark, so dass dieses zur Triebunterdrückung berufen fühlt. Triebverzicht garantiert Arbeitsteilung, Verzicht auf Vorteile und zeitlichen Gewinn. Geregelte Abläufe in der Gemeinschaft können sich entwickeln, wenn jeder Einzelnen einen Ausgleich aus persönlichen Bedürfnissen und Anpassung an die Werte und Regeln der Gesellschaft findet. Die Grundidee derartiger Trinität, des Zusammenwirkens von drei Ebenen, wird schon in den ältesten Schriften der Veden erwähnt wird, und hat seither viele Nachformungen erfahren.

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