Da die Venus etwa alle anderthalb Jahre für ungefähr 40 bis 44 Tage rückläufig wird, kann es auch im Laufe des Lebens passieren, dass die progressive Venus rückläufig wird. Oder sie kommt aus einer Rückläufigkeit in die Vorwärtsbewegung, wobei sie sich fast zwanzig Jahre lang kaum bewegt. Findet das in Aspekt zu einem anderen Planeten statt, so hat dieser noch einmal eine besondere Bedeutung für die Beziehungen. Auch wenn die progressive Venus Planeten überquert, markiert dies immer eine Zeit der Beziehungsstrukturen, wie wir in den folgenden 13 Biographien sehen werden.[1] Denn dann stellen wir häufig fest, dass wir uns zu wenig um uns selbst gekümmert haben und zu sehr das Leben nach den Wünschen anderer geführt haben. Von unserem bisherigen Umfeld kann unser Streben nach Eigenständigkeit als Narzissmus angesehen werden. Doch das Hinzutreten neuer Menschen macht es dann möglich, die Qualität unserer Beziehung zu verbessern, unseren Selbstwert aufzufrischen und mehr zu den eigenen Bedürfnissen zu finden als zu denen des Partners.

Die Venus hat eine synodische Umlaufzeit von 583,92. Tagen. Im Laufe von acht Jahren zeichnet sie aus geozentrischer Sicht ein beinahe regelmäßiges Pentagramm an den Himmel (8*365 = 2920 = 5*584), wenn man die fünf erdnächsten Punkte miteinander verbindet, die die Venus in diesen acht Jahren erreicht (siehe www.astrowiki/de/Venus). Ihre Umlaufbahn ist neben Merkur die Einzige, die sich innerhalb der Erde um die Sonne bewegt. Sie kann geozentrisch gesehen deshalb nie mehr als 47 Graf von der Sonne entfernt stehen und kann wie Merkur Abendstern oder Morgenstern sein. Die Begriffe sind mit ihr in der Antike und im Mittelalter geradezu identisch, weil Merkur mit bloßen Augen nur sehr selten sichtbar ist und nicht besonders hell erscheint.

Die Phase, in der sie die Sonne entweder auf ihrem Weg nach Vorne oder nach Hinten passiert, hat dann eine besondere Bedeutung, wenn sie einen oder mehrere Planeten in unserem Horoskop berührt. Dann kommt es alle acht Jahre zu einer Auslösung der betreffenden Themen. Bei mir ist es der Mond auf 20 Grad Zwillinge. Er wurde 1980 ausgelöst, als wir mit der Familie wenig später von Aachen nach Darmstadt zogen, 1988, als ich eine neunmonatige Reise durch Arabien und Afrika unternahm und danach mein Psychologiestudium abbrach, 1996, als mein bester Freund starb und ich mich für viele Jahre zurückzog, 2004, als ich die Mutter meiner Tochter kennenlernte und mit ihr und anderen eine spirituelle Community gründete, 2012, als ich mit dem Schreiben von Büchern anfing und 2020, als ich eine weitere Trennung zu verkraften hatte mit Pluto/Saturn über den DC und noch mal aufgerufen war, mich vielfältiger in Beziehungsformen auszurichten.

Die Venus hat ihren Nimbus als verweichlichte Hetäre verloren. Venusische Eigenschaften zeigen sich heute auch immer mehr bei Männern. Sie haben weniger Probleme als früher, Gefühle oder auch mal Tränen zu zeigen. Sie nehmen mehr Verantwortung für Kinder und Haushalt auf sich, und tun dies freiwillig und in der Überzeugung für die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten. Dadurch werden die Beziehungen besser und die Bereitschaft zur Teilhabe erhöht sich. Je geringer die Verdienstunterschiede zwischen den Geschlechtern sind, desto mehr entfällt auch der Verhaltensdruck, vermeintliche ‚Chancen‘ zu verpassen oder manipulativen Strategien des Partners zu erliegen. Wir sind uns der Freiheit allerdings oft noch nicht so bewusst und verpassen es, unser Glück zu finden, weil wir durch unsere Erziehung noch gewohnt sind, die alten Rollenmodelle für die sichersten zu halten.

Das Festhalten an gewohnten Mustern wird in modernen Gesellschaften zu einem Problem. Denn die Erwartungen an Gleichberechtigung und Emanzipation werden immer stärker. Schon am Anfang der Zivilisation wird die Einnahme restriktiver Rollenbilder zu inneren Konflikten geführt haben. Denn wir finden in den Mythen immer wieder sogenannte ‚Einweihungswege‘ beschrieben, die Klärungsprozesse im Zusammenhang mit der Identifikation von äußeren Status und Macht andeuten. Einer der eindrücklichsten Mythen, die diesen therapeutischen Prozess beschreiben, ist die Geschichte der Inanna:

„Große Beliebtheit wurde dem Schäfergott Dumuzi zuteil. Ursprünglich war er ein sterblicher Herrscher, dessen Heirat mit Inanna die Fruchtbarkeit des Landes sicherstellen sollte. Die Ehe endet jedoch mit einer Tragödie: Inanna fühlte sich von Dumuzi zu wenig beachtet. Hintergrund war die Unterweltfahrt von Inanna zu Ereschkigal im Reich der Toten. Inanna wollte die Erkenntnis des Todes erlangen und wurde aus diesem Grund von Ereschkigal umgebracht. Unter Hilfe zweier Götter, die von Geštinanna zu Ereschkigal geschickt wurden, konnte Inanna nach drei Tagen im Totenreich als Wiederauferstehung zurück in das Reich der Lebenden eintreten. Dumuzi war während der drei Tage wenig besorgt um Inanna, weshalb er dazu verurteilt wurde, alljährlich sechs Monate in der Unterwelt zu verbringen. Dieses Urteil führte als Folge zu den trockenen, unfruchtbaren Monaten des heißen Sommers. Geschtinanna war, wegen der großen Liebe zu Dumuzi, bereit, in Abwesenheit von Dumuzi auf die Erde zu kommen und ihn zu vertreten. Nach Rückkehr des Dumuzi musste Geschtinanna für sechs Monate den Weg in das Reich der Toten antreten. Dumuzis Wiedervereinigung mit seiner Gemahlin führte zum Wiederaufleben und zur erneuten Fruchtbarkeit im Tier- und Pflanzenreich. Das neue Jahr feierten die Sumerer mit der Heiligen Hochzeit von Dumuzi und Inanna. Den Höhepunkt dieser Feier bildete die rituelle Vereinigung, wobei der König den Dumuzi und eine Hohepriesterin die Inanna verkörperte.“[2]

Wir finden hier eine Analogie zu dem Märchen ‚Hans im Glück‘. Wie Hans entledigt sich Inanna bei ihrer Totenfahrt alles Besitztums. Auf dem Weg zu sich selbst gibt es nichts mitzunehmen. Das Symbol der Venus, die ja aus der babylonischen Inanana und der griechischen Aphrodite hervorgegangen war, ist in Ägypten als Symbol des Anch bekannt. Es galt bei den Ägyptern als Schlüssel zum Totenreich. Der Mythos beschreibt auch dort den stufenweisen Abstieg der Seele in die Unterwelt als Äquivalent zu einer psychischen Krankheit oder einer Lebenskrise, die jeden Menschen in der Mitte des Lebens mehr oder weniger stark ereilen kann.[3]

Bei ihrem Abstieg in die Unterwelt tauchte Inanna in sieben Schritten in einem therapeutischen Prozess in das Reich ihres eigenen Unterbewussten ab. Indem sie immer mehr Kleidungsstücke ablegen muss, wird sie sich der Tatsache bewusst, dass sie ganz auf sich allein gestellt sein wird entsprechend der Tatsache, dass ein junges Mädchen im Patriarchat zumeist auf ihren Weg aus dem Elternhaus nichts wird mitnehmen können und im Haus ihres Mannes quasi mittellos von vorne anfängt. Daran hat auch die Praxis der Mitgift nicht viel geändert, denn diese war zumeist schnell aufgebraucht oder zweckentfremdet. In einer anderen Version wird sie an den sieben Stationen des Weges um je eines ihre Machtsymbole beraubt (Diadem, Lapislazuli, Eierperlen, Brustschmuck, Armschmuck, Messstab und Messleine sowie Herrschaftsgewand). Obwohl nackt und ohne Macht, kannte sie keine Demut und begehrte weiter den Thron der Unterwelt, der ihr von den sieben Unterweltrichtern verwehrt wurde, und die sie stattdessen zum Tode verurteilten.

Ihr angenagelter Leichnam konnte aber durch eine List gerettet werden. Der Aufstieg zu höheren Erkenntnisprozessen, zu denen jeder fühlende Mensch fähig ist, ist gleichzeitig mit dem Abstieg zu seinen eigenen Schatten verbunden. In der später abgewandelten Form der Gnosis der Manäer, Manichaäer, Sufis, Kabbalisten, Bogomilen, Katharer, Rosenkreuzer, Freimaurer u.ä., ist diese Tatsache des Dualismus mit dem Mythos um den demiurgischen Schöpfergott verknüpft, der nur durch einen eigenmächtigen Akt der Äonen erschaffen wurde.[4] Für diese Glaubensrichtungen ist weniger der Aspekt des Logos des Erlösers entscheidend, sondern die Phantasie des kreativen Selbst und seiner vertrauensvollen Bindung zum weiblichen Aspekt der Schöpfergestalt und der Kontakt zur Urmutter und dreifachen Göttin. Maja wird z.B. nicht nur bei den Griechen als Mutter des geschickten Götterboten Hermes verehrt, sondern auch in Indien als Mutter von Buddha.[5] Dort ist sie ihrer Bedeutung nach auch die, die ‚illusionierende Kraft‘ des Schleiers enthüllen kann. Die Hingabe an eine abstrakte Sache wie die universelle Liebe etwa, für die die erhöhte Venus in den Fischen auch steht, ist nicht ohne die Bereitschaft zum Eintauchen in Schattenwelten der Gesellschaft möglich.

Die Geschichte der griechischen Venus hat besonders in der Rennaissance zu vielfältigsten Motiven geführt (vor allem Botticelli, Cranach und Georgione).[6] In den Bildern waren häufig typische astrologische Konstellationen aufgeführt. Die Zeit war eine Blüte der Astrologie und viele studierten sie an den Universitäten, Päpste betrieben sie und Menschen wie Kepler, Cardano, Agrippa und Paracelsus waren jedem bekannt. Leonardo da Vinci war nicht nur Maler, sondern wie in dem Roman Sakrileg dargestellt, wahrscheinlich auch Präsident einer bedeutenden Freimaurerloge, der in seinem Gemälde ‚Abendmahl‘ etwa die Reihe der Sternzeichen abbildete. Für die Gnostiker spielt der Planet Venus eine wichtige Rolle, weil er die Jungfrau Maria, die Mutter Maria und Maria Magdalena nach dem Vorbild keltischer und sufischer Dreieinigkeit der weiblichen Natur symbolisiert.[7] Unter diesem Gesichtspunkt kann man die Psychoanalyse auch als eine Wiedererweckung weiblicher Autonomie deuten, die die Frau in die Kraft versetzt, ihrem angestammten Raum der Heilkunst, Pflege und Psychologie wieder zurückzunehmen. Heute studieren mehr Frauen Psychologie, und inzwischen auch Medizin, als Männer.

Venus war die Tochter des Himmelsgottes Uranus und der Erde Gaia und entstand als Schaumgeborene (Aphrodite), als Saturn seinen Vater Uranus kastrierte und dessen Glied ins Meer fiel. Aus dem letzten Samen in dem entstehenden Schaumbad entstand die Götting der Schönheit und Fruchtbarkeit. Saturn erging es übrigens nicht anders als seinem Vater. Er lebte sein Leben lang in Angst, dass ihm ähnliches von seinen Kindern widerfahren könnte und verschluckte sie. Nur Jupiter gelang es zu überleben, weil seine Mutter dem Saturn einen Stein anstatt seiner zum Schlucken gab. Venus genetrix und ihr Sohn Aeneas gelten als Stammmutter des römischen Volkes, die sie und vor allem der Stamm der Julier, in vielfältigster Weise verehrten. Aeneas war dem brennenden Troja entkommen und gründete der Sage nach die Stadt Rom.

Graphik Ute Floerchinger


[1] Ähnliches Themen entstehen auch wenn die progressive Sonne oder der progressive Mond über die Geburtsvenus laufen. Wenn man auch rückläufigen Progressionen betrachtet, hat jeder Mensch in den ersten 47 Jahren auf jeden Fall eine Auslösung der Venus mit der Sonne.

[2]                  https://de.wikipedia.org/wiki/Sumerische_Religion

[3]                  Babylonisch Ishtar und ägyptisch Isis

[4]                  Es liegt auf der Hand, dass ein unvollkommener Schöpfergott nicht den Erfolgsweg derjenigen Religionen antreten konnte, die Erlösung versprachen. Wenn man in Gott mehr als ein schönes Bild für eine ansonsten unsere Begrifflichkeit übersteigende Sache sehen will, dann braucht es eine Überwindung der Widersprüche. Und da der Widerspruch selbst nicht diese Synthese sein kann, muss dieser Gott allumfassend sein. Damit wird er allerdings auch nicht realer. Er dient aber als Beispiel guten Willens. Wir merken auch, wie diese Worte sofort ein Machtpotential aufrufen, das dem Thema Mythos nicht mehr gerecht wird.

[5]                  Wie Jesus wurde Buddha dem Mythos nach durch ‚unbefleckte Empfängnis‘ geboren, also ohne das übliche Liebesgezänk der Götter und Göttinnen.

[6] Auch die abgemagerten Frauen von Modigliani sind Huldigungen einer modernen Venus und Anspielung auf das Verschwinden der weiblichen Qualitäten in der Moderne.

[7] Siehe auch Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros. In vielen Märchen und Mythen ist der alchemistische Entwicklungsprozess der Venus auch durch die Farben weiß, rot und schwarz oder blau angedeutet.

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